ſah ſich Lehrer Stadelmann aufs Krankenlager geworfen, ohne daß bis jetzt Ausſicht auf Rückkehr in den Dienſt vorhanden wäre; endlich halten die Folgen der Influenza den Lehrer Huth ſeit dem 30. Januar der Schule fern. Dazu kam eine Reihe kürzerer Krankheiten und eine militäriſche Dienſtleiſtung des Oberlehreis Sommerlatt, die früher aufgeſchoben worden war und jetzt in der Zeit vom 7. Auguſt (abgeſehen von den Ferien) bis 24. September abgeleiſtet werden mußte.
Auf Schluß des Sommerhalbjahres trat dann Prof Dr. Kinkelin in den Ruheſtand, und Oberlehrer Dr. Reinhold wurde zum Direktor der Viktoriaſchule ernannt.
Dr. Friedrich Kinkelin, geb. am 14. Juli 1836 zu Lindan, abſolvierte die Gewerbeſchule in Augsburg, beſuchte die Polytechniſche Schule in München und erwarb ſich daſelbſt als Schüler des Maximilians⸗Gymnaſiums das Zeugnis der Reife. Während ſeiner Studienzeit(in Berlin und München) war er Aſſiſtent des Profeſſors der Mineralogie v. Kobelt, dann II. Aſſiſtent am Pharmazeutiſchen Laboratorium der Univerſität München. Nachdem er das Staatsexamen 1861 beſtanden, wurde er I. Aſſiſtent am Chemiſch⸗techniſchen Laboratorium des Polytechnikums in Zürich. 1863— 66 leitete er eine Fabrik chemiſcher Farben in Berlin. Aber ſeine Wünſche gingen auf den Lehrerberuf. Sechs Jahre wirkte er als Hauptlehrer für Naturwiſſenſchaften und Mathematik au der Bezirksſchule in Zofingen im Aargau, drei weitere Jahre als Ordentlicher Lehrer für dieſelben Fächer an der Realſchule der israel. Religionsgemeinſchaft in Frankfurt a. M. 1874 promovierte er in Baſel. Im Februar 1876 als Ordentlicher Lehrer an die höheren Schulen in Frankfurt a. M. berufen, unterrichtete er zuerſt in den oberen Klaſſen der Muſterſchule und war dort auch Mitglied der Prüfungs⸗ kommiſſion, half auch nebenbei mehrfach am Gymnaſium aus. 4
Der Eliſabethenſchule aber und ihrem Seminar hat Kinkelin angehört, ſeitdem ſie ſelbſtändig iſt (Herbſt 1876).
Ein Teil ſeiner reichen Arbeitskraft war ſeit 1882 dem Senckenbergiſchen Muſeum gewidmet. Hier lehrte er beſonders Geologie und verwaltete die geologiſch⸗paläontologiſche Sammlung, die ſein Stolz war und die ihm viel verdankt. Die Senckenbergiſche Naturforſchende Geſellſchaft ehrte ihn denn auch 1903 durch Verleihung des Reinach⸗ Preiſes, damit er ſeine geologiſche Unterſuchung unſerer Gegend fortſetzen und die reichen Ergebniſſe durch eine wertvolle Karte darſtellen kounte.*)
Im Jahre 1894 war er zum Profeſſor ernannt worden. 1903 verlieh ihm S. M. der König beim Jubiläum der Eliſabethenſchule den Roten Adler⸗Orden IV. Klaſſe und bei ſeinem Abſchied den Kronenorden III. Klaſſe.
Unſere Schule aber hat in ihrem ehrwürdigen Seuior nicht nur einen in weiten Kreiſen hochgeſchätzten Gelehrten, ſondern auch einen Lehrer von vorbildlicher Lauterkeit des Charakters und von unbeirrbarer Pflichttreue ver⸗ loren. Seine Schülerinnen, namentlich im Seminar, haben den herrlichen Kern ſeines Weſens zu würdigen verſtanden; mit dankbarer Verehrung haben ſie in„ſeiner Stunden Andacht“ zu dem Greis emporgeblickt, der ihnen mit nie ver⸗ ſiegender Freudigkeit bis in die letzten Tage ſeiner von ſchwerem Leiden behinderten Lehrtätigkeit aus unerſchöpflichem Horte des Wiſſens und der Erfahrung mitteilte und mit ſeiner Herzensgüte die Entwicklung und die ſpäteren Schickſale jeder einzelnen von ihnen begleitete und förderte. So werden ſie ihm— und in ähnlichem Sinn auch dem in voller Schaffenskraft an der Spitze der befreundeten Viktoriaſchule weiterwirkenden Direktor Reinhold— ein lebendiges Andenken bewahren und ihm Ehre machen.
Dr Reinholds Stelle konnte erſt zu Neujahr durch den Oberlehrer Paul Siebert von der Höheren Mädchenſchule in Thorn wieder beſetzt werden; die Stunden der Oberlehrerin Fräulein Enneccerus in Seminar und Selekta übernahm, wie ſchon früher, Frau Dr. Schönemann. Dagegen mußte in den Reſt ihres Deputats Herr Dr. Reinhold mit den Damen Barth, Deutſch und Roſenhaupt ſich teilen, der Unterricht des Oberlehrers Lange unter die Oberlehrer Prof. Dr. Froning, Dr. B ernhardt, Dr. Hinstorff, Dr. Till und Sommerlatt nebſt dem Unterzeichneten, der des Oberlehrers Sommerlatt unter die Oberlehrer Prof. Dr. Rehorn, Prof. Dr. Froning, Dr. Hinstorff und die Damen Barth, Pfeifer und Vincenz, die Seminarſtunden des Lehrers Kolbe unter die Kollegen Friſch, Joſt und Hees verteilt werden, während die Leitung der Unterrichtsübungen der Seminarklaſſe A Herr
Rektor Preußer trotz eigener ſchwerer Denſtpflicht übernahm und bis zum Ende des Schuljahres beibehielt.
Zur Bewältigung der Vertretung ſtanden uns während des ganzen Jahres die mit vollem Deputat betrauten Hilfslehrerinnen Fräulein Rumpf und Fräulein Roſenhaupt zur Verfügung; die Schuldeputation überließ uns für das Vierteljahr von Oktober bis Weihnachten den Lehrer Kern und für die Dauer des Winterhalbjahres die Lehrerin Fräulein Kuno, und für kürzere Friſten fand ſich eine Anzahl junger Lehrkräfte zur Aushilfe bereit: neben Fräulein Grünebaum, die ſchon ſo oft ausgeholfen, die Lehrerinnen Fräulein Diefenbronner, Neu, Jeidel, Rapp, Marx und Sauter. Auch hatte Herr Staatsrat a. D. Dr. Girgenſohn die Freundlichkeit, im Winterhalbjahr einige Stunden Deutſch und Geſchichte zu übernehmen.
*) Ein Verzeichnis ſeiner Schriften enthält die— bei unſerem Schuldiener noch immer käufliche—„Feſtſchrift zur Hundertjahrfeier der Muſterſchule(Muſterſchule⸗Eliſabethenſchule) in Frankfurt a. M. 1803— 1903.“ S. 251 f.


