I. Zur Geſchichte der Eliſabeihenſchule.
Das Schuljahr 1906/07, das am Montag, den 23. April, mit der Aufnahmeprüfung begann, wird uns in Erinnerung bleiben als einer der ſchwierigſten Zeitabſchnitte, die eine Schule erleben und ertragen kann. Eine Reihe von Lehrkräften mußten wegen ſchwerer Erkrankung lange Zeit ihre Berufs⸗ arbeit einſtellen, ohne daß immer Erſatz zu beſchaffen war.
A. Lehrkörper. Oberlehrer Lange kehrte ſchwer krank von der Riviera zurück, wo er einen Studien⸗ urlaub hatte verieben wollen.(Vgl. vorigen Jahresbericht.) Trotz der aufopfernden Pflege ſeiner Gemahlin und trotz aller Kunſt der Ärzte ſollte der kraftvoll gebaute Mann nicht mehr geſunden. Er ſchloß nach ſchwerem Leiden, das er mit großer Geduld ertrug, am 4. Oktober die Augen für immer. Am Grabe widmete ihm Herr Prof. Dr. Rehorn warme Worte wehmütiger Anerkennung und einer Dankbarkeit, die in uns allen und ganz beſonders in ſeinen Schülerinnen fortleben wird.
Heinrich Lange, geb. am 13. Juli 1856 in Caſſel als Sohn eines Lazarett⸗Oberinſpektors, der im Garniſonlazarett wohnte, zeigte frühe Vorliebe für den Soldatenſtand. Gerne ließ er ſich in den Jahren 1864 und 1866 von kranken Soldaten ihre Erlebniſſe auf dem Schlachtfelde erzählen. Nachdem er das Realgymnaſium ſeiner Vaterſtadt durchlaufen, ſtudierte er neuere Philologie in Marhurg und dann in Straßburg, wo ihm nach des Vaters Tode das Bismarckſtipendium die Fortſetzung der Studien ermöglichte. Als Hauslehrer in London lernte er engliſche Sprache und engliſches Leben genauer kennen und ſchätzen, trieb mit ſeinen Schülern Sport und holte ſich wohl auch Turnpreiſe im Kriſtallpalaſt. In Caſſel genügte er darauf ſeiner Heerespflicht, nahm eine Hauslehrerſtelle in Wiesbaden an und legte in Marburg ſein Staatsexamen ab. Im Jahr 1888 wurde er Hilfslehrer an der Eliſabethen⸗ und gleichzeitig an der Wöhlerſchule, die ihn vorwiegend an der Ausländerklaſſe beſchäftigte. Die feſte Auſtellung an der Humboldtſchule 1890 (1895 Oberlehrer) ermöglichte ihm die Gründung eines eigenen Hausſtandes. Im Schoße ſeiner Familie, aber nicht minder im Kreiſe der Kollegen entfaltete ſich fortan ſeine erfriſchende Herzlichkeit, ſein fröhlicher und vielgeſtaltiger Humor; in vollen Zügen genoß er das Glück erfolgreicher Lehrarbeit, ſeit 1900 an der Eliſabethenſchule. Für ſeine Verdienſte um die Kriegervereine verlieh ihm S. M. der König den Roten Adler⸗Orden IV. Klaſſe. Da entriß ihm eine jähe Krankheit ſein einziges Kind im Alter von fünf Jahren: ein Schlag, von dem er ſich nie wieder erholt hat. Sein Leben beſchränkte ſich mehr und mehr auf ſeine Schule und ſeine Häuslichkeit. Das ſtädtiſche Stipendium, das ihm 1905/06 verliehen wurde, führte den ſchon leidenden Mann in den heiß erſehnten Süden, aus dem er nach längerem, ſeiner Gattin ſorgſam verhehltem Siechtum als ein Todkranker heimkehrte. Noch auf dem Sterbebett beſchäftigten ſich ſeine Gedanken mit ſeinem verlorenen Kinde und mit ſeinen Schülerinnen.— Heinrich Lange iſt ein treuer, warmherziger Mann von zartem Empfinden und einem faſt ängſtlichen Pflichtgefühl geweſen, ein rechter Deutſcher und ein rechter Lehrer. Ehre ſeinem Andenken!
Den ganzen Sommer über mußte auch die Oberlehrerin Frl. Enneccerus vertreten werden, weil ihr Armbruch eine langwierige und ſchmerzhafte Behandlung in Marburg und Wiesbaden notwendig machte. Im Winterhalbjahr konnte ſie einen Teil ihrer Stunden wieder übernehmen.
Am 11. Mai verfiel Lehrer Kolbe einer ſchweren Erkrankung, von der er ſich noch jetzt nicht ganz erholt hat, wenn er auch ſeinen Seminarunterricht mit dem 1. November wieder übernehmen konnte. Am 17. Mai nahm das Augenleiden des Herrn Prof. Dr. Kinkelin, das ihn ſchon im Anfang des Schuljahrs gezwungen hatte, eine Beſchränkung ſeiner Lehrtätigkeit auf das Seminar zu erbitten, eine ſo bedenkliche Geſtalt an, daß er ſeinen Unterricht einſtellen und ſich einer Staroperation unterziehen mußte; tags darauf, am 18 Mai, erkrankte Frl. Baruch und konnte erſt am 27. Auguſt wieder eintreten. Am 29. Oktober traten bei dem Lehrer Hees Nervenſtörungen ein, die ihn bis zum 10. November der Schule ganz fern hielten und eine Herabſetzung ſeines Deputats auf 12 Stunden nötig machten. Am 22. Januar


