Jahrgang 
1883
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der tändelnden Novellistik; sie übervölkert die Phantasie mit den ungesunden Bildern einer un- möglichen Lebenserfahrung, wenn nicht mit Schlimmerem, reizt frühzeitig zur Reflexion und stört damit den schönsten Schmuck der Jugend, die Naivetät. Durch das viele Nippen und Naschen wird die Grundbedingung aller Ehrenhaftigkeit geschädigt, die Wahrbaftigkeit.

Diejenige Lebensfreude dagegen, auf welche das Kind einen unbestrittenen Anspruch hat, beruht zu oberst in der Liebe, von welcher es sich umgeben fühlt in der Familie wie in der Schule. Wir verstehen unter ihr die mit Sorge und Freude gemischte Wachsamteit, die zunächst ein volles Verständnis zu gewinneu trachtet für des Kindes eigentümliche Gedanken- welt, die mit ihm lebt und empfindet in Freude und Schmerz, nicht ihre Stärke sucht im Korrigieren und Gängeln, vielmehr im Behüten und scheinbar absichtslosen Geleiten, welche weitherzig ist im Zugeständnis der Freiheit der eigenen Neigung Spielraum zu lassen, und doch wieder eine scharfe Grenze zu ziehen weiß, ohne daß die kindliche Harmlosigkeit durch die Erkenntnis des Reizes des Verbotenen gestört wird. Das ist die aufrichtige mütterliche Liebe, in welcher Mutter und Kind Eins werden und den Boden bereiten, in welchem seit uralter Zeit die großen Charaktere wurzelten, das Selbstbewußtsein der Kraft und die unzerstörbare Kindlichkeit des Vertraueus. Anders greift der erziehende Einfluß des Vaters in die Gestaltung des jugendlichen Geistes. Seine Autorität ist von Natur eine größere; vor ihm erblüht die Achtung; sein Wort ist der unerschütterliche Fels des Respekts; an ihm bricht sich der jugendliche Eigenwille. Um so dankbarer wird aber auch Alles hingenommen, was diese Hand an Freuden spendet. Des Vaters Teilunahme erhöht jeglichen Genußs; denn er regelt das Maß. Er eröffnet die Augen für das Verständnis der Schönheit der Natur; er erschließt mit dem Reiche der Erkenntnis auch die Welt der Empfindung; so sollte es sein! Auch im Hause sollte er der geistige Führer und Ratgeber sein. Kann er sich entschließen auch den Genuß einer gemeinsamen Lektüre mit seinen Kindern zu teilen, so wird dadurch dem unmäßigen Verschlingen von ungesunder Kost von selbst gesteuert werden, und die Jugend mag bewahrt werden vor dem Gefühl der Ab- spannung nach einer ungesunden Übersättigung der Phantasie. Dann würde die Jugendlektüre auch aufhören blos der Unterhaltung dienen zu sollen; sie müßte ungesucht und ungezwungen die Achtung erhöhen vor der sittlichen Bedeutung der Arbeit, vor der Macht des Pflichtbewutzt- seins und der Tüchtigkeit des Charakters. Sie würde auch bei Zeiten zu der Erkenntnis führen, daß zum wahren Genuß auch die Kraft gehört sich etwas versagen zu können. Aus dem Munde des Vaters soll das Kind auch die erste Belehrung erhalten über den Wert der Zeit und des Geldes, von dem die heutige Jugend doch so herzlich wenig zu wissen scheint. Die Einfachheit des väterlichen Hauses soll ihm nicht kleinlich dünken; hier allein wird es in der Tugend er- zogen auch in der Bescheidenheit dankbar sein zu können.

In diesen Fragen besitzt die erziehende Macht der Schule geringeren Eiufluß; sie kann nur weiterbilden, wenn im Schobze der Familie ein guter Grund gelegt ist. Auf die Töchter wirkt dieser Familiengeist am nachhaltigsten. Nur die liebevolle Zucht des väterlichen Ernstes, der reine Geist des väterlichen Hauses, welcher das Kind von Jugend auf umgibt, erzieht in ihm das Vermögen den Wert eines charaktervollen Mannes schätzen zn lernen. Unter diesem starken Schutze aufgewachsen, bleibt es wohl vor der Gefahr bewahrt, daß es nicht, wenn die Zeit kommt, auf ein langes Leben sich bindet, vielleicht getäuscht von einer unklaren Neigung oder geblendet durch den Schein einer gläuzenden socialen Stellung, in selteneren Fällen be- stimmt durch den klaren Entschluß, Freud und Leid teilen zu wollen mit einem geliebten Manne,