Jahrgang 
1913
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ein Konto bei ihm errichtet, wo ſämtliche Beiträge für unſere Wanderung, die erſt Ende September gemacht werden ſollte, gewiſſenhaft gebucht wurden. Jede von uns ging nun zu Tante oder Onkel, um ſich ein paar Penndge zu erbetteln. Trotz⸗ dem ſich die Tour nur auf drei Tage beſchränkte, ſo erſchien ſie uns doch ungeheuer roß. Endlich nach ungeduldigem Warten war der Tag vor unſerer Abreiſe ge⸗ ommen. Jetzt nur noch den Sprung über die Zeugniſſe hinweg, und dann waren wir frei. Mit dem Zeugnis im Ranzen, begleitet von einemViel Vergnügen!, welches uns Lehrer und Mitſchülerinnen wünſchten, trotteten wir vergnügt nach Hauſe. Am anderen Morgen fanden wir uns alle ſchon früh auf dem Bahnhofe ein. Feſt gepackte Ruckſäcke mit Vorrat an Eſſen, Bluſen uſw. erleichterten uns das Gehen nicht beſonders. R., die wahrſcheinlich Angſt vor dem Verhungern hatte, war mit einem Ruckſack und einer rieſengroßen, wohlgefüllten Reiſetaſche verſehen. Wir freuten uns bei dieſem Anblick ſchon alle auf die feinen Delikateßwürſte, die aber leider nicht für uns beſtimmt waren, ja nicht einmal zum Vorſchein kamen. Voller Erwarten ſaßen wir nun im Zug und fuhren in den friſchen Herbſtmorgen hinein. Der Zug führte uns blitzſchnell nach Mainz, und von da ging es rhein⸗ abwärts mit dem Dampfer nach Rüdesheim. Es war ſchönes Wetter, und die Ufer des Rheins boten uns ein herrliches Bild. Wohlgeordnet zogen ſich die Wein⸗ berge, die in ihrem grünen und rötlichen Kleid recht herbſtlich ausſahen, an den Abhängen hin. Waren wir müde vom vielen Betrachten, dann las uns Emma manch luſtiges Gedicht von Stoltze vor. Als wir in Rüdesheim ankamen, war es ſchon ſehr heiß. Nach dem Niederwalddenkmal gingen wir zu Fuß. Schnaufend und puſtend kamen wir oben an. Eben waren wir noch ganz und gar von Wald umgeben, da, ein paar Schritte weiter, bietet ſich unſeren Augen ein erhebendes Bild. Vor uns das breite Silberband des Rheins und rechts von uns das groß⸗ artige Denkmal. Nachdem wir uns überall ordentlich umgeſehen hatten, ruhten wir uns im Schatten der Bäume ein wenig aus und verzehrten mit dem größten Appetit diverſe belegte Brötchen. Jetzt ſollte uns Friedel das Denkmal erklären, aber da, ſie brach plötzlich in Tränen aus. Wahrſcheinlich hatte ihr der rieſige Steinkoloß etwas Angſt eingeflößt. Die ganze, langvorbereitete Rede wurde von den Tränen, die gar nicht verſiegen wollten, weggeſchwemmt. Eine andere aus unſerer Mitte brachte dann, unter vielen Einflickungen von ſeiten des Herrn Krummel und des Herrn Rektor, die vorbereitete Erklärung zuſtande. Nach einer kurzen Feier brachen wir auf und kamen über die Eremitage, die wir uns aller⸗ dings etwas enttäuſcht anſahen, nach der Zauberhöhle. Durch dieſe krochen wir alle hindurch, außer dem Herrn Rektor. Dieſer wurde nämlich bei Verteilung der Größen etwas zu knapp bedacht. Von der Zauberhöhle gingen wir über die Roſſel, von der wir eine ſchöne Ausſicht hatten, nach Aßmannshauſen. Hier labten wir Mädchen uns an Kuchen und Kaffee, während ſich die Oberhäupter unſrer Reiſegeſellſchaft, zu denen auch Frau Kr. und Frau Rektor Ig. gehörten, am feinen Rheinwein erquickten. Wir wurden dann mit dem MotorbootBöppche nach Burg Rheinſtein übergeſetzt. Dieſe konnten wir uns, nachdem wir ein Ein⸗ trittsgeld von 50 Pfennig bezahlt hatten, beſehen. Dieſe große Ausgabe machte in unſre Reiſekaſſe ein großes Loch, worüber wir nicht ſehr erfreut waren. Von der Burg hatten wir einen herrlichen Ausblick auf den glitzernden Rhein und die umliegenden Weinberge. Am meiſten ſtaunten wir aber über all die Herrlichkeiten, die hier aufgeſtapelt ſind. Und als wir alles beſehen hatten, da reute uns das Eintrittsgeld doch nicht. Nun mußten wir aber weiter; denn es war ſchon ſpät geworden. Wir hatten jetzt noch ſehr viel zu marſchieren; denn wir wollten noch vor Einbruch der Dunkelheit Bingen erreichen. Wir ſuchten uns nun den Weg durch Singen luſtiger Lieder zu verkürzen. Herr Kr. pfiff uns zu unſerem größten Vergnügen in der Weiſe eines Berliner SchuſterjungenDer Mai iſt gekommen. Dies brachte er mit einer ſolchen Geläufigkeit fertig, daß wir uns vor Lachen nicht mehr halten konnten. Endlich langten wir in Bingen an. Aber wo war der Pariſer Hof zu finden? Bald wurden wir auf unſer Fragen von einem Mädchen