Jahrgang 
1929
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c) Neuerungen im inneren Schulbetrieb

1. FORMEN UND GIESSEN, EIN STÜck NEULAND.

Am Schlusse dieses Schuljahres tritt unsere Schule mit einem neuen Arbeitsfelde an die Offentlichkeit, von dem bis jetzt unwiderspro- chen behauptet werden darf, daß es eine Neu- schöpfung ist, und daß unsere Schule die ein- zige deutsche Schule ist, die dieses Neuland in der weiterhin zu zeigenden Weise beackert. Es ist dieses der Unterricht im Formen und Gie- Ben, von den Schülern nach dem Rohstoffe, der hauptsächlich zur Verwendung gelangt, kurzweg alsGipsen benannt.

Wohl in den meisten Schulen wird heute in Plastilin oder Ton geknetet und geformt. Dieses Formen ist in Folgendem aber nicht gemeint. Wir denken vielmehr an die Herstellung einer starren Gußform, die mit einem flüssigen, spä- ter erstarrenden und erhärtenden Rohstoffe aus- gegossen wird, ungefähr so, wie es die meist sehr gut bezahlten Former einer Metallgießerei machen.

Wie wir dieses Neuland entdeckten? Nach den neuen Lehrplänen ist für den Zeichenunter- richt die Betrachtung von Kunstwerken vorge- schrieben und Arbeitsgemeinschaften auch auf dem Gebiete des Kunstunterrichts sind vorge- sehen. Bei der Einrichtung einer kunsthand- werklichen Arbeitsgemeinschaft lag es nun nahe, möglichst enge Beziehung zur Kunstbetrachtung zu suchen und dieselbe zum Anknüpfungs- und Ausgangspunkte unserer Arbeit zu wählen. Bei der Einführung in Architektur- und kunstge- werbliche Formen wurden nun, wie bei jeder Kunstbetrachtung, die Kardinalfrage gestellt: Was lernen wir für uns daraus? Zwangsläufig tauchte weiterhin die Frage auf, ob wir in der Schule wohl etwas Khnliches nachschaffen könnten. Nun wurde nach geeigneten Formen gesucht und es schien uns wohl möglich, ein- fache Renaissancezierformen als Platten und Füllungen nachzuahmen und bei möglichst we- nig Anlehnung durch Flächenteilungen und Ab- leitungen aus Naturformen vielleicht auch neue Formen hervorzubringen. Wir einigten uns nun zunächst auf den Versuch, aus einer Platte die Zierformen vertieft oder erhöht herauszuschnei- den und wenn möglich gleich einen Gebrauchs- segenstand daraus zu machen. Aber aus welcher Platte? Linoleum, Holz, Stein? Nach Erörterung der Arbeitsweise und der erforderlichen Werk- zeuge wurde erkannt, daß der Gips am einfach- sten und am leichtesten zu bearbeiten sei. Eine Platte stellten wir her, in dem wir Gipspulver mit Wasser in einem alten Topf zu einer Brühe anrührten, die KXhnlichkeit mit einer steifen Milchsuppe hatte. Diese gossen wir in eine Zi-

sarrenkiste, sodaß der Boden reichlich finger- dick bedeckt war. Nach etwa zwanzig Minuten war ein Erstarren und Festwerden zu beobach- ten, wobei sich die Masse gleichzeitig etwas er- wärmte. Die Platte wurde herausgenommen und in noch feuchtem Zustande sofort mit dem Ta- schenmesser und kleineren Stemmeisen, die zu- fällig vorhanden waren, bearbeitet. In der näch- sten Stunde war die Platte ausgetrocknet, sodaß wir bereits an das Verschönern, das Bemalen, denken konnten. Wasserfarben wurden gierig aufgesogen, verliefen aber und blieben matt. Einige Schüler hätten die Platte aber gern glän- zend gehabt. So versuchten wir es mit Oel- und Emailfarben. Doch auch sie trockneten matt auf. So suchten wir denn nach einem poren- schließenden Stoffe, den wir bald gefunden hat- ten, indem wir Schellack in Spiritus auflösten und damit die Platten überzogen. Nun bplieben die Farben, besonders die Emailfarben, schön glänzend stehen.

Diese anfänglich kleinen und bescheidenen Versuche wurden erweitert, als uns die Schul- leitung in anerkennenswerter Weise dadurch er- mutigte, daß uns ein besonderer Arbeitsraum zur Verfügung gestellt wurde, in dem wir uns nun nach Herzenslust frei tummeln konnten. Auf der Suche nach neuen Vorbildern fanden wir nun die romanische Säule, also einen frei-

stehenden Gegenstand, bestehend aus Fuß, Schaft und Kopf. Drei Teile müssen also her- gestellt und zusammengesetzt werden eine

vollständig neue Aufgabe. Wie machen wir nun das? Womit fangen wir an? Wie setzen wir die Teile zusammen? Allgemeines Kopfzerbrechen. Der Zeichenlehrer fragt:Kennt von Euch je- mand eine Hohlform, die wir zu einer Säule ausgießen können? Nach einigem Hin und Her kommt die Antwort:Eine Konservenbüchse! Also machen wir einen Versuch damit. Mit einem Büchsenöffner wird Deckel und Boden abge- schnitten, der Mantel auf den Arbeitstisch ge- stellt und ausgegossen. Nach dem Erstarren (Abbinden) versuchen wir den Gußkern heraus- zudrücken, was jedoch nicht gelingt. Wir müs- sen den Mantel mit einer Zange aufreißen. Da kommt der Kern schön und glatt zum Vorschein. Aber er ist zu dick und die Büchse ist verloren. Wie vermeiden wir das? Beim zweiten Versuche schneiden wir vorher den Mantel der Länge nach auf, drücken ihn auf die gewünschte Dicke zusammen, umwickeln ihn mit Bindfaden, dich- ten die Fuge mit Plastilin oder Glaserkitt ab und gießen aus. Nach Erhärten lösen wir den Bindfaden, die Gußform springt von selbst auf

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