Jahrgang 
1928
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3. Die Einführung in das Wesen und die Mittel der freien Kürzung. 4. Die Ausbildung im Gebrauch der freien Kürzung.

Der erste Lehrgang muß also wesentlich darauf eingestellt sein, das System zu erlernen und durch eifrige Uebung im Schreiben und Lesen möglichst einzuüben. Der zweite Lehr- gang, der Fortbildungslehrgang, erstrebt, zumal er meist Schüler von ganz ungleichem kurz- schriftlichem Können umfaßt, zunächst die Systembefestigung, die Förderung der Schreib- sicherheit und der Schreibschnelligkeit. Darüber hinaus aber ist noch reichlich Neues dazu zu lernen, nicht nur an Kürzeln, sondern an Kürzungen.

Schon für den vorläufigen Erfolg des ersten Lehrganges ist es ohne Zweifel von ent- scheidender Bedeutung, daß die Teilnehmerzahl niedrig ist und so eine arbeitsunterrichtliche Lehrweise ermöglicht wird, daß dann aber der Stoff nicht mechanisch erlernt, sondern aus seinen Zusammenhängen heraus verarbeitet wird. Von diesen Voraussetzungen aus ergibt sich leicht, daß kein Schüler zu einem befriedigenden Ergebnis in diesem Unterrichtsgegenstande kommen kann, der nicht allmählich zur wirklichen Mitarbeit und interessierten Selbständig- keit zu bringen ist. Das Interesse der Schüler läßt sich wirksam beleben durch Heranziehung von zusammenhängender Lektüre und besonders einer geeigneten Zeitschrift gegen Ende des Lehrganges.

In höherem Maße gelten diese methodischen Voraussetzungen für den Fortbildungskur- sus. Hier zeigt sich deutlicher, daß die Kurzschrift nicht eine rein technische Angelegenheit ist, also ihre Erlernung mit der technischen Schulung der schnellschriftlichen Fertigkeit nicht sichergestellt und keineswegs erschöpft ist. Ihr Hauptzweck ist es ja, flüchtig gehörte fremde Gedankenformulierungen schnell und sicher zu durchschauen und niederzuschreiben, deshalb ist es unerläßliche Vorbedingung, daß auch diese Seite bei dem Unterricht mitgefördert wird.

In der Redeschrift kommt es nicht in erster Linie darauf an, feststehende Kürzel- und Kürzungen, die sich immer gleich bleiben, zu erlernen und anzuwenden, sondern ihr Haupt- stück ist die Anleitung zu jeweils frei zu bildenden Kürzungen, wie sie dem sprachlichen Zu- sammenhang angemessen sind. Das Endziel kann also nur der erreichen, der den sprachlichen Ausdruck in all seinen vielfältigen Abwandlungen beherrscht.

Von hier aus gesehen gewinnt auch die Alterstufe auf der mit der Erlernung am zweck- mäßigsten begonnen wird, eine gewisse Bedeutung.

OIII erscheint für den Verkehrsschriftlehrgang und UII für den Fortbildungslehrgang am geeignetsten zu sein. Nahegelegt wird dieser Vorschlag auch noch durch eine andere Erwä- gung. Die Kurzschrift erreicht die größere Schnelligkeit der Schreibung hauptsächlich dadurch, daß sie mehr oder weniger nur das Lautbild eines Wortes zu schreiben sucht. Durch diese an- nähernd phonetische Schreibweise aber könnte dem Schüler eine geordnete, sichere Recht- schreibung der Kurrentschrift verloren gehen oder doch beeinträchtigt werden, wenn er zu früh, d. h. vor sicherer Festigung in der deutschen Rechtschreibung, in die Kuræschrift ein- sgeführt würde.

Die Tatsache, daß die Einheitskurzschrift weithin Gegnerschaft gefunden hat und daß diese in der unorganischen Zusammensetzung ihres Systems aus zwei verschiedenartigen Systemen begründeten Anlaß hat, erheischt noch ein Wort zur Systemwahl. Hier ist fest- zustellen, daß die Reichskurzschrift um des Einheitscharakters willen als Fortschritt zu werten ist und daß sie sich endgültig durchgesezt hat.Es kann somit für Preußen festgestellt wer- den, heißt es in den zwei über die Einheitskurzschrift vom preuß. Ministerium veröffentlich- ten Gutachten vom 16. Dezember 1927,daß sich im allgemeinen die Einheitskurzschrift im Unterricht bewährt hat und daß die an ihre Einführung geknüpften Erwartungen sich er- füllen.

Die Notwendigkeit, Kurzschrift zu erlernen, besteht heute schon für alle, die sich einer Beamtenlaufbahn widmen wollen. Im Hinblick darauf wird auch in den erwähnten Gutach-

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