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So konnte denn mit vollzähligem Lehrerkollegium das Winterſemeſter begonnen werden. Möchte der Anſtalt fernerhin eine ſo ſchwere Zeit, wie das letzte Sommerſemeſter, erſpart bleiben und möchte es gelingen, die Urſachen des häufigen Lehrerwechſels gänzlich zu beſeitigen. Auch die aufopferndſte Thätigkeit der Lehrer wird nicht immer im Stande ſein, alle Gefahren und Nachtheile zu überwinden, welche noth⸗ wendig daraus hervorgehen, und wenn ſchon an ſolchen Schulen, deren Organiſation durch langjährige Erfahrungen eine durchaus feſte geworden iſt, jeder Lehrerwechſel Störungen hervorruft, wie viel mehr muß dies der Fall ſein an Schulen wie die unſrige, welche gewiß eine große Zukunft haben, aber wegen ihrer Jugend nicht in ihrer Entwickelung geſtört werden dürfen, wenn ſie die Früchte bringen ſollen, welche man von ihnen zu erwarten berechtigt iſt.— Wie üblich, geben wir in Folgendem die wichtigſten Notizen über die im letzten Jahre definitiv angeſtellten Lehrer.
Dr. Reinhold Kießler, geboren zu Hain bei Stollberg am 1. Januar 1835, empfing den erſten wiſſenſchaftlichen Unterricht von ſeinem Vater, dem Paſtor Kießler zu Görsbach bei Nordhauſen, und beſuchte demnächſt das Gymnaſium zu Nordhauſen, welches er Michaelis 1854 mit dem Zeugniß der Reife verließ, um in Berlin und Halle Mathematik und Naturwiſſenſchaften zu ſtudiren. Als Hülfslehrer an der Realſchule in Halle von Johannis 1857 bis Oſtern 1858 beſchäftigt, machte er im Januar 1858 das Examen pro facultate docendi und wurde im Februar desſelben Jahres auf Grund einer Abhandlung de motu puncti secundum legem Neutonianam attracti in superſicie ellipsoidae rotatione circum minorem axem genitae zum Dr. phil. promovirt. Von Oſtern 1858 bis Michaelis 1860 arbeitete er an der Real⸗ ſchule zu Cüſtrin als Subrector und ſchrieb dort ein Programm über numeriſche Gleichungen. Michaelis 1860 wurde er als erſter Oberlehrer an die höhere Bürgerſchule zu Stargard in Pommern berufen, Michaelis 1862 an das Cadettenhaus zu Culm und erhielt Oſtern 1866 die Stelle des dritten Oberlehrers am Gymnaſium zu Stendal, wo er bis Michaelis 1872 verblieb. Dort erſchienen von ihm im Druck: Grundriß der elementaren Mathematik und Flora von Stendal und Umgegend.
Am 1. Juni 1872 wurde der proviſoriſche Lehrer Dr. Rudolf Tombo vom Königlichen Provinzial⸗ Schulkollegium zu Caſſel zum ordentlichen Lehrer an der hieſigen Anſtalt ernannt.
Dr. Rudolf Tombo wurde am 18. Juni 1846 in Dresden geboren, beſuchte bis Oſtern 1865 das Gymnaſium zum heil. Kreuz daſelbſt und ſtudirte dann in Leipzig und Berlin Philologie. Nachdem er ſich im Sommer 1869 dem Examen pro ſacultate docendi unterzogen hatte, trat er ſein Probejahr am Königlichen Wilhelms⸗Gymnaſium zu Berlin an und promovirte auf Grund einer Diſſertation über Kants Erkenntnißlehre im November 1869 zum Dr. phil. Sein Probejahr wurde im Juli 1870 durch ſeine Einberufung zu den Fahnen unterbrochen; er folgte im October 1870 unſeren ſiegreichen Heeren nach Frankreich, wo er, an mehreren Gefechten theilnehmend, bis zum Juli 1871 blieb. Aus dem Kriege glücklich zurückgekehrt, trat er Michaelis 1871 ſeine Lehrthätigkeit an unſerer Schule an..
Johannes Feitel aus Hochlar bei Recklinghauſen, geboren am 23. October 1842, empfing ſeine Vorbildung auf dem Gymnaſium zu Recklinghauſen, welches er Michaelis 1864 mit dem Zeugniß der Reife verließ, um nach Ableiſtung ſeiner Militairpflicht zunächſt von Michaelis 1865— 67 auf der Univer⸗ ſität zu Löwen und dann bis Michaelis 1869 auf der Akademie zu Müͤnſter ſich hiſtoriſchen und philologi⸗ ſchen Studien zu widmen. Nachdem er ſchon im Jahre 1866 den Krieg bei der Mainarmee mitgemacht hatte, wurde er auch im Jahre 1870 wieder eingezogen und war Mitkämpfer in dem glorreichen Krieger gegen Frankreich. Nach ſeiner glücklichen Rückkehr beſtand er im November 1871 das Examen pro ſacul- tate docendi für neuere Sprachen, Deutſch und Lateiniſch und trat dann ſein Probejahr an der Realſchule I. Ord. zu Münſter an. Von dort wurde er Michaelis 1872 an die hieſige Realſchule berufen und durch
Verfügung des Königlichen Provinzial⸗Schulkollegiums vom 13. Januar 1873 zum ordentlichen Lehrer ernannt. 3


