Schul⸗Nachrichten.
A. Lehrverfassung.
a) Allgemeiner Lehrplan.
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„Die Realſchule II. Ordnung iſt keine Fachſchule, ſondern eine Bildungsanſtalt, welche das geiſtige Vermögen ihrer Schüler zu derjenigen Entwickelung bringen will, welche die nothwendige Voraus⸗ ſetzung einer freien und ſelbſtändigen Erfaſſung des ſpäteren Lebensberufes bildet. In der Wahl ihrer Bildungsmittel concentrirt ſie ſich auf diejenigen Sprachen und Wiſſenſchaften, welche im modernen Leben von vorwiegendem Einfluſſe ſind.“ Aus dieſem Grunde ſchließt ſie das Lateiniſche aus, nicht etwa weil ſie den Bildungswerth deſſelben leugnete, ſondern weil ſie deſſelben für ihre Zwecke nicht bedarf. Sie will keine Sprachforſcher bilden, für welche übrigens die Kenntniß des Lateiniſchen allein auch nicht genügen würde; ihre Abiturienten ſollen vielmehr nur eine gründliche Kenntniß der Formlehre der gelernten fremden Sprachen und eine gründliche Einſicht in den Satzbau derſelben haben, und wenn ſie das nicht erreichen, ſo tragen Mangel an Talent und Fleiß oder Mangelhaftigkeit des Unterrichts die Schuld daran. Gewiß würde eine vorgängige Beſchäftigung mit der lateiniſchen Sprache die Erlernung der franzöſiſchen erleichtern, weil die Erlernung einer jeden fremden Sprache den Sinn für ſprachliche Formen weckt und ſchärft; allein bei der Kürze der uns zugemeſſenen Zeit dürfen wir keine Umwege wählen, um zu unſerm Ziele zu ge⸗ langen. Auch das leichtere Verſtändniß der Fremdwörter kann für uns nicht maßgebend ſein, da wir dann einmal auch andere fremde Sprachen berückſichtigen müßten, auf der andern Seite aber auch das Lateiniſche, welches unſere Abiturienten gelernt haben könnten, kaum genügen dürfte, ſie von dem Gebrauche eines Fremdwörterbuchs zu befreien, welches auch ein Gymnaſialabiturient nicht gänzlich wird entbehren können, ganz abgeſehen davon, daß man jetzt auch an maßgebender Stelle Hand daran legt, den Wuſt zum Theil ganz entbehrlicher Fremdwörter über Bord zu werfen. Oder ſollte es uns gelingen, durch Leſen der Claſſiker unſere Schüler in den Geiſt des römiſchen Alterthums einzuführen, da das Gymnaſium neun Jahre lang wöchentlich zehn Stunden braucht, um ſeine Schüler dahin zu bringen, daß ſie ihre Klaſſiker erträglich verſtehen? Lieber geben wir ihnen gute Ueberſetzungen in die Hand und benutzen dieſe im Deutſchen und in der Geſchichte oder ſorgen dafür, daß ihnen gute Werke über das Alterthum zugäng⸗ lich ſind. Die Schule ſoll ihren abgehenden Schülern die Fähigkeit mitgeben, ſich weiter bilden zu können; das vermögen ſie aber nur, wenn ſie einen gewiſſen Abſchluß in der Bildung erreicht haben. Wollen wir aber dieſen in der uns gegebenen Zeit erreichen, ſo muß von dem Lehrplan das nur Wuüͤnſchenswerthe ausgeſchloſſen werden, er darf nur das aufnehmen, was unbedingt hinein gehört; darum muß die Real⸗
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