Jahrgang 
1915
Einzelbild herunterladen

22

Verbrechen am Volksgute. Gewiß, du biſt am Vormittag 5 ½ Stunden in der Schule, mußt ein tüchtig Stück Brot genießen, meinetwegen mit etwas Schinken oder Wurſt, ja nicht zu viel! Auch ein Stück Käſe leiſtet denſelben Dienſt.

4. Verzichte nach Möglichkeit auf alle diejenigen Nahrungsmittel, die nur in knapper Menge vorhanden ſind. Ein ſolches Verzicht iſt notwendig für das Gemeinwohl.

5. Nutze jedes Nahrungsmittel recht aus durch tüchtiges Kauen! Nicht wie viel man ißt, ſon⸗ dern wie man verdaut, iſt beſtimmend für die Ernährung deines Körpers, die Nährkraft der Speiſe. Ein berühmter Staatsmann, der bis zum 90. Lebensjahr in voller Kraft tätig war, ſchrieb das dem Umſtande zu, daß er jeden Biſſen dreißigmal kaute.

6. Ein edler deutſcher Volkserzieher rief vor einigen Jahren der Jugend zu: Lerne gehorchen, lerne dich anſtrengen, lerne entſagen! In der Tat, das ſind drei wichtige Gebote für unſer ganzes Lebensglück. Gerade auch das letzte wollen wir uns merken, beſonders für die Kriegszeit, aber auch für die Zeit des ſpäteren Friedens, den Gottes Gnade uns auch wieder ſchenken wird. Nur wer entſagen gelernt hat, iſt hohen Aufgaben gewachſen. Werde hart gegen dich, deutſche Jugend, dann biſt du deiner Brüder würdig, die ihr Leben für dich im Felde zum Opfer bringen. Sei auch du zu jedem Opfer, zu jeder Entſagung willig und freudig bereit! Einfache ſpartaniſche Lebensweiſe tut uns not. Dann bleiben wir ſtark am Körper und Geiſt. Wohlleben und Ge⸗ nußſucht entkräften Leib und Seele.

Und noch eins: Lerne beten in dieſer ernſten Zeit, wenn du es früher noch nicht gelernt haben ſollteſt! Unſere Krieger im Felde haben es ſchon lange gelernt, was das eine iſt, was uns not⸗ tut, und Proteſtanten und Katholiken beten in dem Feldgottesdienſt gern und freudig miteinander zu dem Gotte, dem Herrn der Heerſcharen, der unſer aller Gott und Vater iſt. Das Gebet zeigt dir den rechten Weg in allem. Durch rechtes Gebet, durch Verſenken in die edlen weiſen Ge⸗ danken unſeres Heilandes werden wir ſtark, ſicher und feſt; dann verſtehen wir auch insbeſondere die 4. Bitte nach ihrem rechten Sinne: Unſer täglich Brot gib uns heute!

Der Rönigliche Gymnaſial-Direktor:

Prof. Dr. Endemann.