Jahrgang 
1909
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erziehen im Sinne eines wohlverſtandenen Chriſtentums, der Religion der Liebe, die in dem alten Benediktiner⸗SprucheOra et labora ihren kürzeſten und bezeichnendſten Ausdruck findet. Das iſt die ſicherſte und feſteſte Baſis für Lebensglück und Lebenserfolg, die bewährteſte und im Kampfe des Lebens niemals verſagende Lebensweisheit. Wohl ſei wiſſenſchaftliche Bildung, ſo führte der Vortragende weiter aus, eine hohe, edle Errungenſchaft, noch höher aber ſtehe die echt chriſtliche, ſittliche Bildung, die gegenüber den vielen Irrtümern und Irrlehren der Gegenwart die wahre Lebenskunſt enthalte, die uns allein zu lebenstüchtigen, wahrhaft freien, lebensfrohen und glücklichen Menſchen zu machen vermöge.

Mit dieſem Tage, mit dem das Winterſemeſter begann, übernahm der Unterzeichnete die Leitung der Anſtalt.

Am Sonntag, den 8. November begingen Lehrer und Schüler der Anſtalt die gemeinſame Feier des heiligen Abendmahles.

Am 23. November ward dem Oberlehrer Dr. Unbehaun ein längerer Urlaub bis zum Schluſſe des Winterſemeſters bewilligt, um ſeine angegriffene Geſundheit wieder herzuſtellen. Seine Vertretung wurde dem wiſſenſchaftlichen Hülfslehrer Dr. Röſch übertragen, der bereits im vorigen Jahre an unſerer Anſtalt gewirkt hatte.

In der Nacht vom 14. zum 15. Nov. geriet infolge eines Schornſteinbrandes unſer Gymnaſium in große Gefahr. Es gelang der Feuerwehr, den Brand, bevor er noch weiter um ſich greifen konnte, zu löſchen; doch wurden 5 Klaſſen für einige Zeit unbrauchbar; Sexta, Quinta und Quarta wurden bis Weihnachten in dem Gebäude der Volksſchule untergebracht, Oberſekunda und Unterprima für zwei Wochen in einem in der Oranienſtraße gelegenen Hauſe. So konnte der Unterricht ohne er⸗ hebliche Störung fortgeführt werden, und wir danken dies zum großen Teil der freundlichen Zuvor⸗ kommenheit des Herrn Bürgermeiſters und des Magiſtrats der Stadt Dillenburg wie auch des Herrn Rektors Grävenſtein. Auch an dieſer Stelle möchte ich ihnen den Dank des Gymnaſiums dafür ausſprechen.

Dem Oberlehrer Dr. Altenburg wurde durch Verfügung vom 22. Dez. 1908 der Charakter als Profeſſor und durch Verfügung vom 9. Febr. 1909 der Rang der Räte 4. Klaſſe verliehen.

Vom 23. November bis zum 6. Februar begann der Vormittags⸗Unterricht um 8 ½ Uhr. Dienstag, den 22. Dezember wurde eine gemeinſame Weihnachtsandacht, an der auch viele Angehörige unſerer Schüler teilnahmen, in der Aula abgehalten. Die Weihnachtsferien dauerten von Mülnach den 23. Dezember 1908 bis zum Mittwoch, den 13. Januar 1909 einſchließlich.

Bei der Feier des Allerhöchſten Geburtstages Seiner Majeſtät des Kaiſers und Königs am 27. Januar hielt der Direktor die Feſtrede über die Welt⸗ und Lebensanſchauung der Hohen⸗ zollern. Er betonte, daß die innere Geſchichte der Hohenzollernfamilie eine Quelle reichſter Be⸗ lehrung ſei, weil ſich ihre außergewöhnlichen Erfolge großenteils aus den geſunden Grundſätzen er⸗ klärten, die durch lange Jahrhunderte hindurch dauernde Geltung in dem königlichen Hauſe gehabt hätten; geradezu vorbildlich ſei ihre Gottesfurcht, ihre Vaterlandsliebe, ihr Familienſinn, ihre Pflicht⸗ treue und Arbeitsliebe, ihr Sinn für Zucht und Sitte. Er kam zu dem Ergebnis: Die Erklärung für die Erfolge unſeres Fürſtenhauſes iſt zu finden in der innigen Vereinigung echt chriſtlicher und deutſcher Tugenden, in der glücklichen Verbindung eines hochſtrebenden Idealismus und eines praktiſchen Realismus. Gerade in dieſer Hinſicht ſeien die Hohenzollern die wirkſamſten Er⸗ zieher und edelſten Vorbilder für das deutſche Volk.*) In das Hoch auf Seine Majeſtät, das der Redner am Schluſſe ſeines Vortrages ausbrachte, ſtimmten glle Anweſenden begeiſtert ein. Dann verkündete der Direktor, daß das Spieß⸗Stipendium dem Oberprimaner, primus omnium, Wilhelm Kegel zuerkannt ſei, und überreichte weiterhin im Allerhöchſten Auſtrage Seiner Majeſtät dem Ober⸗ primaner Rudolf Prenzel ein Exemplar von WislicenusDeutſchlands Seemacht, dem Unterprimaner Walter Schultheis und dem Oberſekundaner Fritz Schucht je ein Exemplar von Berner,Ge⸗ ſchichte des preußiſchen Staates als Anerkennung für tüchtige Leiſtungen.

*) Vergleiche auch K. Endemann, Die Weltanſchauung der Hohenzollern und der moderne Materialismus. Leipzig 1906.