Jahrgang 
1899
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P. Baubeschreibung der neuen Viktoriaschule in Darmstadt.

Nachdem infolge Raummangels und anderer unhaltbarer Zustände im alten Gebäude der Viktoriaschule, einer früheren Kaserne am Kreuzpunkt zweier Straßen mit geräuschvollem Verkehr gelegen, ein Neubau zur dringenden Notwendigkeit geworden war, sah sich die Stadt Darmstadt zur Errichtung eines modernen Schulbaues nach einem gecigneten Platz um, den sie in dem früheren KöLpschen Grundstück zwischen Hoch- und Hoffmannsstraße fand und erwarb. Im Sommer 1894 konnte nach Feststellung der Anforderungen und Aufstellung eines Bauprogramms ein öffentlicher Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für den Bau unter deutschen Architekten mit Termin auf den 15. September 1894 aus- geschrieben werden. Die rechtzeitig eingelangten 196 Entwürfe wurden zur Beurteilung einem Preisgericht unterbreitet, das aus den Herren: I. Stadtbaurat BEHNKE, Frankfurt a. M.; 2. Regierungsbaurat EGoEkr, Wiesbaden; 3. Geh. Baurat Prof. Dr. WAGNER, Darmstadt; 4. Stadt- baumeister Baurat BRADEN, Darmstadt; 5. Geh. Obermedizinalrat Dr. PrEIFEER, Darmstadt; 6. Direktor Dr. EisExHUTH, Darmstadt; 7. Oberbürgermeister MokxEwEG, Darmstadt, bestand. Das Preisgericht erkannte dem Entwurf des Unterzeichneten neben demjenigen des Herrn Regierungsbaumeisters FRkANZ CLoos in Stuttgart den I. Preis zu und empfahl gleichzeitig den ersteren Plan zur Ausführung unter Vorschlag einiger Abänderungen, welche in der Haupt- sache darin bestehen sollten, daß die ganze Grundrißanlage umgedreht und die Hauptschauseite, welche im Wettbewerbentwurf durch einen Irrtum des Verfassers an der Hoffmannsstraße geplant war, an die Hochstraße gestellt wurde. Sonst ist die Hauptanordnung des Wett- bewerbentwurfs beibehalten worden, deren Besonderheit darin besteht, daßs das Hauptgebäude in der Form eines lateinischen L so auf das verfügbare Grundstück gestellt wurde, dab der kurze Schenkel desselben an die Hochstraße mit der Hauptschauseite zu liegen kam, während sich der lange Schenkel senkrecht zur Hochstraße längs der südlichen Grundstücksgrenze mit geringem Abstand von derselben durch die ganze Tiefe des Bauplatzes bis zur Hoffmannsstrabe erstreckt. Rechts und links von dem an der Hochstraße gelegenen Gebäudeteil des Hauptbaues schließen sich Turnhalle und Schuldienerwohnhaus an. Die drei Gebäude reihen sich hier zu einem malerischen Gesamtbilde aneinander. Auf diese Weise ist auf der Nordseite ein schattiger, großer Schulhof übrig geblieben, außéerdem ist bewirkt, daß die Fenster der Klassenzimmer, welche mit einer einzigen Ausnahme gegen Norden liegen, möglichst weit von den Nachbargebäuden entfernt bleiben. Geräumige Fluren und Wandelhallen ermöglichen den Aufenthalt der Schülerinnen bei schlechter Witterung im Gebäude auſyerhalb der Klassen- zimmer. In anerkennenswerter Weise hatte die Stadt den Beschluß gefabst, das Projekt von dem Verfasser des preisgekrönten Entwurfs selbst zur Ausführung bringen zu lassen, was auch zur That wurde, indem der Unterzeichnete unter der Oberleitung des Herrn Baurat BRADEN und unter Beihülfe des Herrn Bautechnikers Hip zum Teil als Hülfsarbeiter des Stadtbauamts und später, nach Austritt aus dem städtischen Dienstverhältnis, als Privatarchitekt den Bau- leitete und sämtliche Zeichnungen und Entwürfe einschließlich der Abrechnung aufstellte. Die Bausumme, einschließlich der Kosten für die innere Einrichtung, wurde mit 570000 Mlk. ermittelt, in einer Kommissionssitzung vorläufig auf 530000 Mk. reduziert, um späterhin un- gefähr auf die erstgenannte Summe wieder erweitert zu werden. Im Frühjahr 1896 konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden, nachdem die Vergebung der Rohbauarbeiten schon im Spätherbst und Winter 1895 vorausgegangen war. Es reihen sich dann Vergebungen und Ausführungen der verschiedenen zur Vervollständigung eines Baues erforderlichen Arbeiten aneinander an, bis im Spätherbst 1898 der Bau seine endgültige Form erhielt und am 15. November in Anwesenheit Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs, Ihrer Großherzog- lichen Hoheit der Prinzessin LupwiG voN BATTENBERG, der hohen Protektorin der Schule, nebst Tochter, Sr. Großherzoglichen Hoheit des Prinzen WirHELM und Ihrer Hoheit der Prinzessin FRANZ JosEpH VoN BATTENBERG, ferner der Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden, Stadtverordneten und zahlreicher sonstiger Herren und Damen, sowie der Lehrer,