An den Feierlichkeiten aus Anlass des Einzugs Ihrer Königlichen Hoheiten des Grossherzogs und der Grossherzogin am 20. April beteiligte sich mit den anderen Schulen der Stadt auch unsere Anstalt. Die Seminarklassen und die Ober- und Mittelklassen der Victoriaschule bildeten vor dem Stadthause in der Rheinstrasse Spalier, und Ihre Königliche Hoheit die Grossherzogin hatten die Gnade, von einer Abordnung der sämtlichen Mädchen- schulen der Stadt Blumensträusse entgegenzunehmen. Sprecherin war eine Dame aus unserer ersten Seminarklasse. Fräulein Lorri SorpAN aus Worms, die die Ehre hatte, ein von Herrn Pfarrer KEII, verfasstes und an Ihre Königliche Hoheit die Grossherzogin gerichtetes Begrüssungs- gedicht vortragen zu dürfen.
Durch hohes Dekret vom 23. Juni 1894 wurde Fräulein EMIEIE STRECKER definitiv angestellt.
Am 22. November erkrankte die Handarbeitslehrerin Fräulein NörtNER und wurde zunächst durch das Kollegium mit wissenschaftlichen Lehrstunden vertreten. Nach Neujahr wurde ein Teil der Handarbeitsstunden von Frau RAPp übernommen. Am 18. Februar 1895 trat Fräulein NöLLNER wieder in den Dienst ein.
Der 15. Oktober 18904 war ein Tag hoher Freude für die Stadt, da er den Besuch Seiner Majestät des Kaisers brachte. Die Ober- und Mittelklassen der Victoriaschule nahmen mit den anderen Schulen an der Spalierbildung in der Rheinstrasse teil.
Die Allerhöchsten Geburtstage wurden auch in diesem Jahre in hergebrachter Weise ge- feiert. Am 24. November sprach Herr Dr. HEIMSDOREFER über„W. Kirchhofs Wendunmut“., am 26. Januar Herr Dr. BEkKER über„die Verhandlungen vor der Kapitulation von Sedan“.
Am 25. November wurde dem Unterzeichneten das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Grossmütigen verliehen.
Durch Allerhöchstes Dekret vom 16. Februar wurde der Unterzeichnete zum vortragenden Rat im Ministerium des Innern und der Justiz, Abteilung für Schulangelegenheiten, ernannt mit dem Amtstitel„Oberschulrat“, mit Wirkung vom 8. April d. Is. an.
Durch Allerhöchstes Dekret vom O9. März 1895 wurde der Direktor der höheren Mädchen- schule zu Giessen Dr. FRIEDRICH LANDMANN zum Direktor unserer Anstalt ernannt, mit Wirkung vom 8. April 1805 an.
Die schriftliche Prüfung der I. Seminarklasse wurde vom 11.—14. März abgehalten. Die mündliche Prüfung wird am 27. März stattfinden.
Der Schluss des Schuljahres erfolgt am 3. April mit Censur und Versetzung.
Die Leitung der Schule empfindet es schon seit geraumer Zeit als einen schweren Miss- stand, dass das Pensum des Seminars immer noch in zwei Jahren erledigt werden muss, während die preussischen Anstalten drei Jahre Studienzeit haben. Der Einrichtung eines dritten Kurses standen bisher räumliche Schwierigkeiten entgegen, die mit Errichtung des Neubaus wegfallen. Es besteht deshalb die Absicht, den dritten Jahreskurs zu Ostern 1808 einzurichten, so dass die auf Ostern 1895 eintretenden Damen noch nach zwei Jahren, die 1806 eintretenden dagegen erst nach drei Jahren zur Abgangsprüfung zugelassen werden.


