A. Schulbericht der Victoria-Schule über die Schuljahre 1887 und 1888.
Das Schuljahr 1887/88 begann Montag den 18. April mit einer Geſamtschülerzahl von 572 Schülerinnen, 541 der Victoriaſchule, 31 des Lehrerinnenſeminars. Wenn dieſe Ziffer um ein weniges hinter der des vergangenen Schuljahres zurückbleibt, ſo beruht dieſer Umſtand nicht lediglich auf einer kleineren Zahl von Anmeldungen, ſondern vielmehr auf einer unver- hältnismäßig großen Zahl von Abgängen aus den mittleren Klaſfen. Es bricht ſich die von uns in früheren Jahresberichten öfters ausgeſprochene UÜberzeugung im Publikum immer mehr und mehr Bahn, daß es nicht im Intereſſe der Eltern liegen kann, ihre Kinder unſerer Schule zu übergeben, wenn ſie nicht die Abſicht haben, diefelben die Anſtalt ganz durchmachen zu lallen, und deshalb haben wir die Freude zu fehen, daß die Zahl dieſer Schülerinnen, welche die ganze Anſtalt abfolvieren, von Jahr zu Jahr gewachſen iſt, ſo daß die oberen Klaffen ſehr ſtark befucht ſind. Wenn die Zahl der Oſteraufnahmen von 1887 nur 77 betrug, während ſie 1886 auf 82 kam, ſo läßt ſich dieſer kleine Rückgang der Frequenz leicht dadurch erklären, daß manche Eltern wegen der in einzelnen Klaffen thatfächlich vorliegenden ÜUberfüllung Be- denken trugen, uns ihre Kinder zu übergeben, ein Übelſtand, der durch eine weitere Teilung der Klaffen III, VII, VIII völlig beſeitigt iſt. Hinderniſfe mancherlei Art, vorwiegend baulicher Art, haben dieſe Teilung verzögert, ſo daß ſie, für Oſtern 1887 geplant, erſt Michaelis desfelben Jahres verwirklicht werden konnte. Und ſo ſchieden denn unfere drei Vorſchulklaffen(X, IX, VIII a und b) zu diefer Zeit aus dem altgewohnten Gebäude in der Grafenſtraße und zogen am 12. Oktober in die eigens dazu hergelſtellten Räume des der Stadt Darmſtadt gehörigen Haufes Waldſtraße 21. Im Hauptgebäude ſind zurückgeblieben die beiden Seminarklaffen und die Schulklallen von I—VII; III, IV, V, VI, VII jede mit einer Parallelklafſe. Da die Vor- ſchulklaffen in geringſter Entfernung vom Haupthauſe liegen, ſo iſt es den in beiden Häufern beſchäftigten Lehrern ohne jede Verſpätung möglich, pünktlich ihre Stunden zu geben; immerhin hat dieſe Teilung ihre Schwierigkeiten und Unzuträglichkeiten, und deshalb iſt es uns eine große Freude, an diefer Stelle die Hoffnung ausſprechen zu dürfen, daß durch den baldigen Neubau eines den Bedürfniffen der großen Anſtalt entſprechenden Haufes eine gründliche Be- ſeitigung der vorhandenen unleugbaren Schwierigkeiten eintrete.
Das Sommerhalbjahr 1887 brachte für die Anſtalt keine nennenswerten Vorkommnillfe. Der Sedanstag wurde, wie ſonſt üblich, durch patriotiſche Anſprachen und geſchichtliche Dar- ſtellungen in den einzelnen Klaſſen begangen; das Geburtsfeſt unſeres erlauchten Landesfürſten in dem geſchmückten Turnfaale unſerer Anſtalt durch Schulaktus gefeiert. Herr Dr. HEIM hielt den Feſtvortrag über den Landgrafen Georg von Heffen.
Am 12. Oktober fand mit der Eröffnung der oben erwähnten neuen Schulklaffen auch die Linführung der neuen Lehrkräfte durch den Direktor ſtatt. Es ſind dies Herr Dr. BERkKER von der höheren Mädchenſchule zu Gießen, Herr Fuons vom hieſigen Ludwig-Georgs-Gymnaſium, Herr RAMGE von der Realſchule zu Groß-Umſtadt, Fräulein WATzINGER von der Stadtſchule in Pfungſtadt.
Herr Dr. BEkkER übernahm das Ordinariat der Klaſſe III b, Herr RAMGE dasjenige von VIIIa, Frl. WwATzINGER von IX; unſere bewährte Leiterin der erſten Vorſchulklaſſe, Frl. v. PöNNIEs, behielt auf ihren von mir herzlich gern erfüllten Wunſch die Leitung unſerer Klaffe X. Herrn FucHs’ Thätigkeit erſtreckt ſich auf Rechnen, Naturkunde und Turnen in den mittleren Klafſen. Durch ſeinen Eintritt hat die Schule neben unſerem erſten Turnlehrer, Herrn FönMEs, eine zweite für dieſen wichtigen Gegenſtand bereits erprobte Lehrkraft gewonnen.
Nachzutragen iſt an diefer Stelle der am 22. Mai 1886 erfolgte Eintritt des Fräulein ScHLEIER- MACHER in unſfere Anſtalt als Zeichenlehrerin, der im letzten Jahresbericht nicht erwähnt war.
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