Jahrgang 
1905
Einzelbild herunterladen

F. Zur Geſchichte der Anfult.

Schuljahr 1902/03.

Noch in der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrſchte in Fachkreiſen faſt allgemein die Anſicht, daß ſich die Frau für den Lehrberuf nicht eigne. Dieſe Anſicht findet auch ihren offiziellen Ausdruck in dem Art. 11 des heſſiſchen Schulediktes von 1832, der die Verwendung von Lehrerinnen nur ausnahmsweiſe in Elementarmädchenſchulen vorſieht. Im Laufe der nächſten Jahrzehnte jedoch vollzog ſich ein Umſchwung dieſer Anſicht zu Gunſten der Lehrerin, dem auch der Art. 36 des Schulgeſetzes von 1874 Ausdruck verleiht. Hier wird bereits die Gründung eines Seminars für Volksſchullehrerinnen in Ausſicht geſtellt. Denn mittlerweile hatte eine größere Anzahl Lehrerinnen im heſſiſchen Schuldienſt Verwendung gefunden, die ſich meiſt durch private Vorbereitung für den Beruf ausgebildet hatten. Die Unzulänglichkeit dieſer Ausbildung aber hatte die Errichtung eines Seminars für Volksſchullehrerinnen als notwendig erſcheinen laſſen. Wenn trotzdem die Großh. Regierung erſt 1902 die Errichtung dieſes Seminars beſchloß, ſo geſchah dies deshalb, weil, wie der Regierungsvertreter, Herr Miniſterialrat Dr. Eiſenhuth, in der Kammerverhandlung am 6. März 1902 hervorhob, ſich das Bedürfnis, Lehrerinnen in größerer Zahl an Volksſchulen zu verwenden, erſt in den letzten Jahren ausgebildet hat. Dank den überzeugenden Ausführungen des Regierungsvertreters nahmen denn auch die beiden Kammern einſtimmig die Vorlage an, durch welche die Errichtung unſerer Anſtalt ermöglicht wurde.

Als proviſoriſches Anſtaltsgebäude wurde das der Invalidenverſicherungsanſtalt gehörige, in der Hermannſtraße gelegene Gebäude gemietet. Zur Umwandlung dieſes Gebäudes in ein Schulhaus waren größere bauliche Veränderungen nötig, ſodaß die Eröffnung der Anſtalt nicht ſchon anfangs April erfolgen konnte, ſondern um volle zwei Monate hinausgeſchoben werden mußte. Als Turnlokal hat die Stadt die Turnhalle der Stadtmädchenſchule III gegen eine geringe Vergütung für Heizung und Reinigung zur Verfügung geſtellt.

Am 1. April wurde der Unterzeichnete, ſeither Direktor der Realſchule zu Alsfeld, zum Leiter der Anſtalt durch Allerhöchſtes Dekret ernannt mit Wirkung vom 1. Mai.

Im Laufe des Monats Mai wurden die übrigen Mitglieder des Lehrkörpers beſtimmt: Herr Hofmann, ſeither Lehrer an der hieſigen Mittelſchule für Knaben, als ordentlicher Lehrer, Fräulein Welſch von der höheren Bürgerſchule für Mädchen zu Alzey als ordentliche Lehrerin, beide zunächſt noch proviſoriſch. Den evangeliſchen Religionsunterricht übernahmen die Herren Pfarrer Walz und Rückert, den katholiſchen Herr Rektor Gallei. Mit der Erteilung des Geſangunterrichts, des Klavier⸗, Violin⸗, Zeichen⸗, Handarbeits⸗ und Turnunterrichts wurden Frau Dr. Walther, Fräulein Streb, Fräulein Stahl, Fräulein Becker und Fräulein Ruths beauftragt.

Da die beiden Vorbereitungsklaſſen organiſch mit den Seminarklaſſen verbunden ſind, ſo zählt die Anſtalt nach ihrem völligen Ausbau fünf Klaſſen. Zu der Aufnahmeprüfung am 3. Juni hatten ſich 53 Schülerinnen gemeldet, die ſämtlich dieſe Prüfung beſtanden. Es wurden drei Klaſſen errichtet: die fünfte mit 26, die vierte mit 8 und die dritte mit 19 Schülerinnen.

Am 5. Juni fand endlich die Eröffnungsfeier ſtatt, zu der von ſeiten des Großherzoglichen Miniſteriums des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, beſondere Einladungen an die intereſſierten ſtaatlichen und ſtädtiſchen Behörden und an die Redakteure der hieſigen Zeitungen ergangen waren. Zu ſeinem lebhaften Bedauern konnte Se. Exzellenz Herr Staatsminiſter Dr. Rothe einer wichtigen Kammerſitzung wegen der Eröffnungsfeier nicht beiwohnen.

Wir laſſen den Bericht des Berichtserſtatters einer hieſigen Zeitung über den Verlauf dieſer Feier im Auszug hier folgen:

Nach einem Harmoniumsvortrage des Herrn Oberlehrers Höcker begrüßte Herr Miniſterial⸗ rat Dr. Eiſenhuth die erſchienenen Gäſte und übergab die Anſtalt ihrer Beſtimmung. Er hob hervor, daß dieſe Anſtalt, die erſte ihrer Art im Lande, dazu berufen ſei, beſſer als dies ſeither