Jahrgang 
1930
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V. Rus der öeſchichte der Schule

1917 1929. Von Oberſtudienrat Profeſſor Dr. Tempel.

Der letzte gedruckte Jahresbericht der Ludwigs⸗Oberrealſchule iſt erſchienen noch mitten im Toben des Weltkriegs. Eine ſtattliche Reihe von Lehrern und Schülern ſtanden im Feld; ein Lehrer und 20 Schüler kehrten nicht in die Heimat zurück. Eine Ehrentafel hält die Erinnerung an ſie feſt, die in der Gedächtnisfeier am 5. November 1919 enthüllt wurde; am gleichen Tage 1921 wurde auch der ſchöne Gedenkbrunnen zur Ehre unſerer Geſallenen im Hof der Schule eingeweiht; Muſik⸗ und Theateraufführungen der Schüler, Sammlungen der Lehrer und Schüler, Stiftungen ehemaliger Schüler hatten ſeine Errichtung ermöglicht. Die jährlich im November zu begehende Gedenk⸗ und Totenfeier hält ebenfalls das Gedächtnis an unſere Gefallenen wach. Das Jahr 1918 brachte den für Deutſchland ſo tragiſchen Ausgang des Krieges; auch unſere Schule trat ein in die ſchweren Nach⸗ kriegsjahre: Lehrer, Schüler und deren Eltern haben ihren vollen Anteil daran genommen. War ſchon im Krieg den hinausziehenden Schülern durch Kriegsreifeprüfungen ein Abſchluß ihrer Schul⸗ laufbahn ermöglicht worden, ſo galt es jetzt, vielen Heimkehrenden durch Kriegsteilnehmerprüfungen dieſen Abſchluß zu geben. In beſonderen Kurſen der Schule vorgebildet, unterzogen ſich zahlreiche Heimgekehrte dieſer Prüfung, ebenſo ſolche, die an den Kurſen nicht teilgenommen hatten, bis dieſe Prüfung ſeit Sptember 1921 durch eine normale Reifeprüfung für Nichtſchüler erſetzt wurde. Auch der Andrang zu dieſer, alljährlich im Herbſt an unſerer Schule ſtattfindenden Prüfung iſt groß, viele ſchon in reiferem Alter und im Beruf ſtehend, legen ſie ab ein Ausdruck unſerer Zeit, die im ſcharfen Konkurrenzkampf des Lebens geſteigerten Wert auf die Reifeprüfung glaubt legen zu müſſen. Der gleichen Urſache entſtammt der wachſende Zuſtrom von Schülern an die höheren Schulen, die auf ſolche Weiſe mit dem Leben viel enger verknüpft ſind, als das früher der Fall war. Der Ernſt unſeres Lebens, für das die höhere Schule mehr denn je als unmittelbare Vorbereitung gilt, legt Lehrern, Schülern und Eltern manche früher nicht gekannte Sorge auf. Schule und Elternſchaft ſind in erhöhtem Maße auf gegenſeitiges Kennen⸗ und Verſtehenlernen angewieſen, nicht nur in der Form ſtändiger gegenſeitiger Fühlungnahme, ſondern auch durch beſondere Elternabende, ſeit 1922 auch an unſerer Schule veranſtaltet mit dem Zweck, über wichtige Fragen des Unterrichts und der Erziehung die Eltern aufzuklären und ihnen Gelegenheit zur Ausſprache zu geben. Aber nicht nur durch wiſſenſchaftlichen Unterricht ſollen die Schüler für den harten Kampf des Lebens vorgebildet werden, ſondern auch durch die heute doppelt notwendige körperliche Ertüchtigung: Turnen, Sport, Schwimmen ſoll ihnen dazu Gelegenheit geben. Die Schule ſtellte ſich in den Dienſt auch dieſer Beſtrebungen, und in den jährlichen Reichsjugendwettkämpfen und in Wettkämpfen mit anderen Schulen haben unſere Schüler die Möglichkeit, das Maß ihres Könnens zu zeigen. Wie manchem unſerer Jungen mag das in den erſten Jahren nach dem Kriege ſchwergefallen ſein infolge mangelhafter Ernährung, ſodaß auch unſere Schule dem ſegensreichen Werk der Quälterſpeiſungen zu innigſtem Dank verpflichtet iſt. Seit ſie nicht mehr ſtattfindet, ermöglicht die Stadt Darmſtadt gegen geringes Entgelt ſchwächlichen Schülern, in einem Raum der Anſtalt jeden morgen durch ein Milchfrühſtück ſich neue Kraft zu holen. Die körperliche Geſundheit unſerer Schüler iſt Gegenſtand dauernder Be⸗ obachtung und Fürſorge. Auf Grund regelmäßiger ſchulärztlicher Unterſuchungen vermag die Schule ſchon ſeit Jahren, kränkliche Schüler der Wohlfahrtsfürſorge für geeigneten Ferienaufenthalt vorzuſchlagem. Die Sorge über den engen Zuſammenhang zwiſchen geiſtigen Leiſtungen und körper⸗ lichem Zuſtand kommt auch darin zum Ausdruck, daß aus der ſeit Oſtern 1919 beſtehenden, für alle Schulgattungen gemeinſamen Erunoôſchule nur ſolchen Schülern bereits nach 3 Jahren der Übertritt in eine höhere Schule geſtattet wird, die neben entſprechenden Leiſtungen auch die Gewähr körper⸗ licher Widerſtandskraft geben. Aber nicht nur körperliche Geſundheit und geiſtige Leiſtungen ſichern unſeren Schülern den Weg durchs Leben, in höchſtem Grade verlangt das heutige Leben auch Selb⸗ ſtändigkeit und Feſtigkeit des Charakters, die Fähigkeit eigenen Urteils, der willigen Einordnung in die Gemeinſchaft, auch wenn nicht äußerer Zwang droht. Die ſchon im Herbſt 1917 auch an unſerer