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VI. Chronik der Anstalt.
Das Schuljahr 1875/76 nahm am 18. Oktober 1875 seinen Anfang, und es wurden bei der Auf- nahmeprüfung 152 Schüler neu aufgenommen. Diese Zahl der neu Aufgenommenen stieg im Laufe des Jahres auf 190. Wie vorstehende Tabelle zeigt, war auch in diesem Jahre die Realschule I. Ord- nung selbst nach Abzug der Schülerzahl von Unter- und Ober-Prima stärker besucht, als die Real- schule II. Ordnung, und wir hatten bei einem Gesammtbestand von 755 Schülern während des Schul- jahres auch diesmal wieder eine Ueberfüllung namentlich der unteren und mittleren Klassen. Glück- licherweise sind wir in der Lage, dass mit Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 1876 diesem Uebelstande voraussichtlich durch Errichtung von 3 Parallelklassen, wenigstens zum Theile, abgeholfen werden kann.
Durch sehr dankenswerthe Fürsorge und Bereitwilligkeit des Grossherzoglichen Bürgermeisters und der Stadtverordneten ist nämlich das Pfarrhaus, welches an unseren neben dem Kyritz'schen Hause gelegenen Schulhof stösst und also ganz in der Nähe unserer anderen Schulräume liegt, für die Stadt- gemeinde erworben worden und soll alsbald zu Lehrzimmern eingerichtet werden, und Höchste Staats- behörde ist in huldvoller Anerkennung des dringenden Bedürfnisses unserer Schule ernstlich darauf bedacht, die erforderlichen Lehrkräfte zu beschaffen.
Noch erfreulicher und hoffnungsreicher aber als diese doch immer nur vorläufge Aushülfe ist der nicht blos fest beschlossene und genehmigte, sondern bereits begonnene Bau eines neuen Realschul- gebäudes, so dass aller Wahrscheinlichkeit nach bis zum Herbste 1878 die Bedürfnisse der Realschule in dieser Beziehung vollständig und auf die Dauer befriedigt werden.— Nachdem die technische Schule dahier zu einer polytechnischen umgestaltet und erweitert worden war, mussten die Räume, welche die Realschule noch in dem früheren Gewerb- und Realschulgebäude inne hatte, ganz für jene Anstalt in Anspruch genommen werden. Demzufolge fanden schon im Herbst 1872 Verhandlungen zwischen Direction und Lehrercollegium der Realschule einerseits und einigen beauftragten Stadtver- ordneten andrerseits statt wegen Erbauung eines neuen Realschulgebäudes, und es wurde von der Stadt auch eine namhafte Summe(150,000 fl.) dazu ausgesetzt. Später aber tauchte das Project auf, für die polytechnische Schule einen Neubau zu errichten, und die Stadt war bereit, jene 150,000 fl. zu diesem Bau beizutragen, wenn der Staat, resp. die Stände, die weiter erforderliche Geldsumme ver- willigen und also den Bau eines Polytechnikums genehmigen würden. Die Realschule sollte dann in das frühere, von dem Polytechnikum benutzte Gebäude zurückverlegt werden. Ueber diese Bestrebungen gingen mehr als 2 Jahre hin. Als zu Anfang des Jahres 1875 durch die Kammerverhandlungen ent- schieden war, dass der Neubau eines Polytechnikums nicht stattfinden werde, war es natürlich Pflicht der Realschuldirection, alsbald auf einen Neubau für die Realschule, welche sich unterdessen bedeutend erweitert hatte, zu dringen. Nach eingeholter Genehmigung und Bevollmächtigung seitens Hoher Staats- behörde richtete daher der Director an Grossherzogliche Bürgermeisterei den Antrag auf Erbauung eines neuen Realschulhauses. Nachdem das vorgelegte Programm und die Platzfrage von einer be- sonderen Commission geprüft worden war, beschloss die Stadtverordnetenversammlung auf diese Grundlage hin den Neubau, und es wurde dazu beiläufig eine Summe von 4— 500,000 Mark in Aussicht genommen. — Später aber wurde aufs Neue der Antrag eingebracht, diese für den Bau der Realschule verwilligte grössere Summe von Seiten der Stadt zum Neubau eines Polytechnikums anzubieten, wenn die Stände das weitere Geld dazu verwilligen würden; man wolle dann das alte Gebäude den vermehrten Bedürf- nissen der Realschule durch bauliche Aenderungen anpassen. Da es sich aber bald ergab, dass zu solcher Verwilligung von Seiten der Kammer keine Aussicht vorhanden sei, und dass demnach die Er- bauung eines Polytechnikums, so wünschenswerth und nothwendig sie auch für diese Anstalt sein mag,
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