Jahrgang 
1872
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bis heute eben ſo wenig zu einem gedeihlichen Ziele gelangt, wie über die Trennung des unteren allgemeinen Curſus vom hieſigen Polytechnikum und die Errichtung einer Ober⸗ prima an unſerer Schule mit den weitgehenden Berechtigungen einer Realſchule I. Ordnung. Noch ſchmerzlicher empfindet das Lehrercollegium die höchſt nachtheilige Verzögerung des verheißenen Neubaues für die Realſchule. Zwar müſſen die Lehrer nicht mehr über die Straße hin⸗- und herziehen, um aus einer Klaſſe in die andere zu kommen, ſeitdem, dem Wunſche des Stadtvorſtandes entſprechend, der Reſt der Klaſſen aus dem längſt zu klein gewordenen Realſchulgebäude ſeit Oſtern d. J. in das zwar ehrwürdige, aber veraltete Pädagogium übergeſiedelt iſt und die Schüler ſich wieder wenigſtens in gemeinſamer Umfaſſung befindet, aber immerhin ſind Lehrer und Schüler noch in zwei Häuſern ge⸗ trennt und großer Störung ausgeſetzt.

Durch Hohes Decret Großherzoglicher Oberſtudien⸗Direction vom 16. October 1871 wurde der Zeichenlehrer Bender junior aus Darmſtadt zum proviſoriſchen Zeichenlehrer ernannt und den 17. October d. J. in ſeinen Dienſt eingewieſen.

Ebenſo wurde der durch Hohes Decret vom 19. Juni d. J. zum proviſoriſchen Lehrer ernannte Gymnaſial⸗Acceſſiſt Dr. Carl Henning aus Höchſt i. O. den 16. October in ſeinen Dienſt eingewieſen, ſo wie der durch Allerhöchſtes Decret vom 15. Juni d. J. definitiv angeſtellte Dr. Ludwig Weis aus Fürth i. O. Durch Allerhöchſtes Decret vom 10. Mai 1872 wurde auch Dr. Henning definitiv als Lehrer an der Realſchule ange⸗ ſtellt. Beide geben folgenden Abriß ihres Lebenslaufes.

Dr. Ludwig Weis, geb. 5. Auguſt 1830 in Fürth im Odenwald, beſuchte in Darm⸗ ſtadt zuerſt die Lehranſtalt des Herrn Schmitz, daranf das Gymnaſium. Er wandte ſich 1847 der pharmaceutiſchen Praxis zu, während welcher er einige Zeit in Gießen und Göttingen naturwiſſenſchaftlichen Studien oblag. Später, 1856 ging er zum natur⸗ wiſſenſchaftlichen Lehrfach über; er ſtudirte zu dieſem Ende in Berlin, unterzog ſich 1858 der Maturitätsprüfung in Darmſtadt, beſuchte der Mathematik wegen die Gewerbeſchule daſelbſt und beſtand 1859 in Gießen das Gymnaſiallehramtsexamen von mathematiſch⸗ naturwiſſenſchaftlicher Seite aus; zugleich erwarb er den Dr. philoſ. Nach ſeinem am Darmſtädter Gymnaſium zurückgelegten Probejahr wurde er, nach kürzerer durch Krankheit unterbrochener Thätigkeit an der Schule des Herrn Schleiden in Hamburg, Hauslehrer in Bonn, woſelbſt er 3 Jahre blieb, und übernahm dann eine Stelle in Lauſanne. Kaum dort erhielt er die Aufforderung an der Realſchule erſter Ordnung in Ruhrort eine Lehrſtelle für Naturwiſſenſchaft zu übernehmen. Er blieb daſelbſt vom Herbſt 1864 bis Herbſt 1871, wo er der Aufforderung in die Heimath, an die Großherzogliche Realſchule zu Darmſtadt zu kommen, Folge leiſtete. Er veröffentlichte verſchiedene Arbeiten: Gedanken zur Poeſie und Philoſophie; Die neue Edda; Antimaterialismus 2 Bände: Elemente der Botanik; ferner als Realſchulprogramm zu Ruhrort: Der Steit über die Berechtigungen der Realſchule, beleuchtet durch Unterſuchung der Frage:Was iſt Natur⸗ wiſſenſchaft?.

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