Jahrgang 
1862
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Vorwort.

Das ſeit längerer Zeit Gefürchtete iſt eingetreten. Profeſſor Dr. Edmund Külp, der Direktor der Großherzoglichen höheren Gewerb⸗ und Realſchule zu Darmſtadt, iſt einem unheil⸗ baren Übel nach ſchwerem Leiden am 18. Juli dieſes Jahres erlegen. Beide Anſtalten und deren Lehrerperſonale haben einen Mann verloren, der mit raſtloſer, uneigennütziger Thätigkeit die voll⸗ ſtändige Entwickelung, der von ihm ſeit 16 Jahren geleiteten Schulen, in einem Zeitraume von 35 Jahren angeſtrebt. Durch ſeine raſtloſe Mitwirkung und unter ſeiner Leitung ſind ſie zu ihrem jetzigen Umfange erwachſen. Sie verdanken ihm viel, ſehr viel und folgten ihm daher am 20. Juli in tiefer Trauer, in gerechtem Schmerze zu ſeiner letzten Ruheſtätte.

Der Hintritt dieſes genialen und bis zum letzten Augenblicke geiſtesfriſchen Mannes iſt um ſo mehr zu beklagen, als die Verhältniſſe beider Anſtalten der Art ſind, daß eine jede ganz ver⸗ ſchiedene Anforderungen an den Direktor ſtellt, denen er dadurch nur allein zu entſprechen ver⸗ mochte, daß gleichſam unter ſeinen Händen beide Schulen entſtanden und aufgeblüht ſind, und er hierdurch mit allen ihren Einrichtungen und Bedürfniſſen aufs genauſte bekannt war.

Denn die Realſchule iſt ihrer Grundidee nach nichts anders als eine Vorbereitungs⸗ und Erziehungsanſtalt für alle diejenigen, welche ſich der Technik oder irgend einem Berufe im höheren bürgerlichen Leben widmen wollen und hat die Aufgabe, eine tüchtige Grundlage in den mathe⸗ matiſchen, naturhiſtoriſchen und graphiſchen Fächern zu legen, zugleich aber auch Sorge zu tragen, daß durch umfaſſende Pflege der Sprachen und hiſtoriſchen Wiſſenſchaften eine harmoniſche Aus⸗ bildung des Geiſtes und Gemüthes erzielt werde. Mit andern Worten, die Realſchule iſt eine Erziehungsanſtalt, die allgemeine Menſchenbildung im Auge hat, von einſeitiger Fachbildung nichts weiß.

Die höhere Gewerbſchule dagegen iſt dem Prinzip nach und wie ſie ſich bis dahin ent⸗ wickelt hat, eine Fachſchule und ſtellt darum auch an das Lehrerperſonal und den Direktor die Forderung, daß ſie Fachmänner ſind, da ſie Jünglinge in die von ihnen ergriffenen techniſchen Berufsarten einführen ſoll. Um dies ausſchließlicher ausführen zu können, hat ſie noch zwei allge⸗ meine untere Vorbereitungscurſe, in welchen eben jene allgemeine humane Bildung, welche die Realſchule ihren Schülern bis zum 16. Jahre gegeben hat, zum Abſchluß zu bringen iſt.

Die Richtung beider Bildungsanſtalten iſt ſomit völlig verſchieden und demnach muß der, welcher ſie gemeinſam leiten ſoll, mit beiden vertraut ſein, eine Aufgabe, die Dr. Külp, wie nur

ſchwer ein Anderer, zu löſen im Stande war und gelöſt hat.. 1