Jahrgang 
1898
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V. Zur Geſchichte der Anſtalt. (Von Frützjahr 1897 bis Frützjatr 1898.)

Die Aufnahme der neuen Schüler fand Samstag, den 24. April, ihre Prüfung am 26. April ſtatt. Der Unterricht des Sommerhalbjahrs begann Dienstag, den 25. April, vormittags 8 ½ Uhr, mit einer gemeinſamen Schulfeier, der des Winterhalbjahrs am 12. Oktober mit der feierlichen Ein⸗ führung des neuen Direktors.

Dem Großherzoglichen Gymnaſialdirektor Dr. Becker, der ſeit dem 7. November 1896 beurlaubt war, erlaubte es ſein Geſundheitszuſtand auch zu Anfang dieſes Schuljahres nicht, wieder einzutreten. Nachdem wiederholt ſein Urlaub unter Beibehaltung der ſeitherigen Vertretung in den Direktorial⸗ geſchäften durch den dienſtälteſten Lehrer Prof. Dr. Klingelhöffer verlängert worden war, wurde er durch Allerhöchſte Entſchließung vom 17. Juli 1897 auf ſein Nachſuchen unter Anerkennung ſeiner langjährigen treuen und erſprießlichen Dienſte und Verleihung des CharaktersGeheimer Schulrat mit Wirkung vom 1. Oktober 1897 in den Ruheſtand verſetzt. Auch an dieſer Stelle ſprechen wir ihm im Namen der Anſtalt unſeren Dank aus für die unermüdliche und ſelbſtloſe Hingabe, mit der er das Ludwig⸗Georgs⸗Gymnaſium 14 Jahre lang nach ſeiner pädagogiſchen Überzeugung geleitet hat, und wünſchen ihm, daß er ſich noch recht lange eines geſegneten Ruheſtandes erfreuen und daß ihm die Dankbarkeit tüchtiger Männer, die einſt ſeine Schüler waren, als ſchönſter Lohn des Lehrers und Erziehers allezeit ſicher ſein möge.

An ſeine Stelle trat zufolge Allerhöchſter Entſchließung vom 17. Juli 1897 mit Wirkung vom 1. Oktober der ſeitherige Direktor des Großh. Gymnaſiums zu Bensheim Prof. Dr. Peter Dett⸗ weiler und wurde am 12. Oktober durch Herrn Geh. Oberſchulrat Soldan feierlich in ſein Amt ein⸗ geführt. Aus der Anſprache, die er dabei hielt, ſeien zur Kennzeichnung ſeines Standpunktes gegen⸗ über den ſchwebenden Schulfragen einige Grundſätze hier wiedergegeben:

Das Ziel des Unterrichts muß ſein, die Jugend, ſo weit dies die Schule kann, zu erziehen zu religiös⸗ſitt⸗ lichen Charakteren, zu unerſchütterlichen Patrioten und opferwilligen Deutſchen, zu denkenden Menſchen, die aus⸗ gerüſtet ſind mit Verſtändnis für die Thatſachen des wirklichen Lebens und mit den körperlichen und geiſtigen Fähig⸗ keiten für die Löſung der ſchweren Aufgaben dieſer Zeit, die ſich aber auch nicht verſchließen allem Guten, Schönen, Edlen in Kunſt, Litteratur und Natur, alſo dem, was dem Alltagsleben erſt den höheren Reiz verleiht. Als beſondere, ihm geſtellte und von ihm allezeit vertretene Aufgabe ſieht er an die Verſchmelzung einer auf dem Nährboden des klaſſiſchen Altertums ruhenden Humanitätsbildung mit den unabweisbaren und verſtändigen Forderungen der realen Gegenwart. Dieſe Schulpolitik iſt allein im ſtande, die deutſchen Gymnaſien als die wichtigſten allgemeinen Bildungs⸗ ſtätten für ein zukünftiges Geſchlecht der That zu erhalten, ohne daß wir uns dabei unſeren Ruhm auf allen geiſtigen Gebieten nehmen zu laſſen brauchen. Er vertritt warm die Sache des humaniſtiſchen Gymnaſiums, freilich nicht eines ſolchen Gymnaſiums, das die phantaſie⸗ und gemütloſe Verſtandesbildung mit gleichbleibender Penſenarbeit als oberſtes Unterrichtsprinzip aufſtellt, das durch einen dürren, von dem Schriftſteller losgelöſten grammatiſchen Unterricht und Durchackern von gedankenloſen übungsbüchern ſich ſelbſt in ſeinen Schülern die gefährlichſten Feinde erzieht und nur dem pädagogiſch im allgemeinen gar nicht zu rechtfertigenden Unweſen des Nachhilfeunterrichts Vor⸗ ſchub leiſtet; vielmehr muß ſich das Gymnaſium wieder zurückbeſinnen auf ſeinen in den letzten Dezennien oft verlaſſenen Grundgedanken und muß in der quellenmäßigen und deshalb echt wiſſenſchaftlichen Erſchließung des alten, für uns heute noch ungemein wichtigen Lebens, in der Lektüre der alten Schriftſteller ſeine Hauptaufgabe ſehen. Wenn wir der Welt nicht zeigen, daß unſere Schüler die alten Schriftſteller leſen und verſtehen lernen und vorzugsweiſe nach dieſem Verſtändnis gewertet werden, wird der Untergang des heutigen Gymnaſiums unausbleiblich.

Wenn das Erziehungswerk gedeihen ſoll, müſſen Schule und Haus einen engen Bund ſchließen, kein Teil darf hochmütig oder gleichgültig oder auch verſtimmt über den anderen wegſehen.