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Der Verfügung des Großherzoglichen Miniſteriums des Innern und der Juſtiz, Abteilung für Schulangelegenheiten, gemäß wurden im Sommerhalbjahr 1894 in unſerer Anſtalt die Vormittags⸗ ſtunden in der Zeit von 7 ½ bis 12 ½ abgehalten; im Winterhalbjahr 1894/95 wurde der Unterricht in den Monaten Oktober und März um 8 Uhr, im November, Dezember, Januar und Februar um 8 Uhr 30 Minuten begonnen und im ganzen Winterſemeſter um 1 Uhr beendigt. Der Nachmittags⸗ unterricht begann in den beiden Semeſtern um 3 Uhr.
6. Schon lange erwieſen ſich die beiden Turnſäle der am Kapellplatz gelegenen ſtädtiſchen Turn⸗ halle als unzureichend für den Turnunterricht unſerer Anſtalt, des Realgymnaſiums und der Realſchule. Es war deshalb notwendig, die ſtädtiſche Turnhalle den genannten realiſtiſchen Lehranſtalten zu über⸗ laſſen und für unſere Anſtalt eine beſondere Turnhalle zu erbauen. Im Staatsbudget für 1891/94 (27. Landtag) wurde deshalb an die Stände unſeres Landes zum Zweck der Erbauung einer neuen Turnhalle für das Ludwig⸗Georgs⸗Gymnaſium, in der auch für den Großh. Turninſpektor einige Räume für die Abhaltung von Turnlehrerkurſen vorgeſehen werden ſollten, die Anforderung geſtellt, für die Errichtung einer Turnhalle und für Herſtellung eines Lehrſaals für Turnlehrer nebſt Nebenräumen und Dienerwohnung den Betrag von 130 000 Mark zu bewilligen. Dieſe Summe wurde von den Ständen gewährt. Es ſtellte ſich dann heraus, daß dieſe Bewilligung zu knapp bemeſſen war. Für die Er⸗ werbung des der Main⸗Neckarbahn gehörigen, in der Soderſtraße gelegenen Bauplatzes, für welchen urſprünglich 56 000 Mark in Ausſicht genommen waren, wurden 57186 Mark erforderlich, ſo daß als eigentliche Baukoſten nur noch 72814 Mark verfügbar blieben. Bei der Ausführung wurden für tiefere Fundamente 1470 Mark Mehrkoſten gegenüber dem Voranſchlag notwendig. Eine Reviſion der ſtatiſchen Berechnung der Dachkonſtruktion und der langen hohen Mauern der Turnhalle ergab ferner, daß die Anlage zu ſparſam ausgeführt und daß eine nachträgliche Verſtärkung dieſer Teile ratſam war. Deshalb wurde an die Stände das Anſinnen gerichtet, daß zu den früher bewilligten 130 000 Mark ein weiterer Betrag von 7600 Mark bewilligt würde. Auch dieſe Forderung fand die Zuſtimmung der Stände. Der Großherzoglichen Staatsregierung und den Ständen unſeres Landes ſprechen wir aufrichtigen Dank für die Erbauung und zweckmäßige Ausſtattung unſerer neuen Turnhalle aus.
Nun hat unſere Anſtalt die im Jahre 1852 erbaute ſtädtiſche Turnhalle für immer verlaſſen, jenes beſcheidene und doch ſo bedeutende Denkmal aus der Geſchichte des deutſchen Turnweſens, in dem unſer Landsmann Adolf Spieß ſeit der Erbauung dieſer Halle den Turnunterricht unſeres Gymnaſiums, der hieſigen Realſchule und zahlreicher Abteilungen der Volksſchule erteilte und dem deutſchen Turnen für lange Zeiten weithin wirkende Anregungen gegeben. Im Jahre 1848 war Adolf Spieß, ein Heſſe von Geburt, von Baſel nach Darmſtadt berufen worden. Kurz vorher hatte er in Baſel den erſten Teil ſeines Turnbuchs für Schulen erſcheinen laſſen, worin er den Geiſt, die Ziele und Wege ſeiner, echte Menſchenbildung erſtrebenden Kunſt darſtellt und ausführt, wie erziehliches Turnen die ernſteſte Beachtung aller derer verdiene, die ein Herz für die Wohlfahrt der Jugend haben. Die Schule ſolle auch durch das Turnen und Spielen zum eigentlichen Hort des rechten Jugendgeiſtes, zum Schutz⸗ und Schirmort echter Jugendlichkeit erhoben werden. Die Veredlung des Jugendlebens, die Stärkung des Charakters, Förderung der Selbſtbeherrſchung, Geiſtesgegenwart, Selbſtzucht in der Jugend waren die Ziele des jugendfriſch begeiſterten Turnmeiſters, deſſen Bild die hieſige ſtädtiſche Turnhalle ſchmückt. Das Andenken an Adolf Spieß wird uns unvergeßlich, und der Geiſt ſeines Turnunterrichts unſer Leitſtern ſein.
7. Spaziergänge und Tagesausflüge wurden unter Führung der Lehrer von allen Klaſſen am 8. Mai, 25. Juni, 29. Oktober, 3. Dezember 1894 ausgeführt. Im Januar und Februar 1895 wurden zum Zweck der Benutzung der Eisbahnen Turnſtunden und öfters Nachmittagsſtunden ausgeſetzt.


