Jahrgang 
1925
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das Licht der Welt erblickte, und die ihm zu Ehren erhalten geblieben iſt. Hinter der niedrigen Hütte, die ſich mit ihrem Strohdach neben den modernen Häuſern der Nachbarſchaft ſeltſam ausnimmt, ſteht ein Burns⸗Muſeum. Nicht weit davon iſt die alte Brücke über den Doonbach, die Burns ſo gerne beſang, noch zu ſehen und ebenfalls ein Ziel ſeiner Verehrer. Daneben hat man in einem blumenprächtigen Garten dem Bauerndichter ein Monument in griechiſchem Stil errichtet, für das ich mich freilich weniger begeiſtern konnte.

Ein andermal begab ich mich nach Perthſhire, um den dort geſprochenen Dialekt zu hören, der mich aus wiſſenſchaftlichen Gründen intereſſiert. Da das jüngere Geſchlecht ſich mehr und mehr der Schriftſprache bedient, mußte ich mich an ganz alte Leute wenden, um ihn unverfälſcht dargeboten zu bekommen. In beſonders ſchöner Erinnerung iſt mir der Beſuch bei einer 85 jährigen Greiſin geblieben, mit der ich in ihrer Hütte am Kamin ſaß und ihren Worten lauſchte, wobei ſie geduldig und mit ungewöhnlichem Verſtändnis auf meine philologiſchen Sonderwünſche einging.

Ein nettes Erlebnis hatte ich auch in der Nähe jenes Dorfes auf einem alleinſtehenden Bauernhof, den ich zum gleichen Zwecke aufſuchte. Mein Begleiter, der alte freundliche Quäßzer, wollte vorſichts⸗ halber dem Bauern meine Herkunft verſchweigen und ſtellte mich alsvom Kontinent kommend vor. Doch der Farmer gab ſich damit nicht zufrieden, und da ich keine Veranlaſſung hatte, mein Deutſchtum zu verleugnen, nannte ich ihm mein Vaterland. Die Wirkung war verblüffend. Mr. W. war aufs höchſte erfreut und erzählte, er habe im Krieg zwei Deutſche als Gefangene gehabt und ſei ſehr mit ihnen zufrieden geweſen, der eine habe ihm geſchrieben, doch könne er den Brief nicht leſen. Da ich mich erbot, ihn zu überſetzen, holte er ihn, während ſeine Frau Kuchen und Scottiſh Whisky, das Nationalgetränk, brachte. Darauf überſetzte ich den Brief, der über anderthalb Jahre ungeleſen ver⸗ wahrt war, da auch der zu Rate gezogene Schulmeiſter ihn nicht hatte entziffern können. Im Namen des Bauern antwortete ich dann dem badiſchen Landsmann, der, wie er mir ſpäter ſchrieb, ſich ſehr darüber freute, obgleich er während der Inflationszeit vergeblich auf ein paar Pfund als Antwort auf ſeinen Brief gewartet hatte!

Von Glasgow aus fuhr ich auch zu Schiff den Clyde hinunter und bekam dabei einen Begriff von der gewaltigen Ausdehnung der Schiffsbauanlagen, die ſich ſtundenweit am Ufer des künſtlich für Seeſchiffe fahrbar gemachten Fluſſes hinziehen, und von dem ohrenbetäubenden Lärm der Maſchinen und Hämmer, den der Glasgower alsthe music of the Clyde bezeichnet. In Greenock, der Heimat des Erfinders der Dampfmaſchine, machte ich Halt, da ich von einer dortigen Familie für einige Tage eingeladen war..

Sehr ſchön war auch ein Ausflug zu den Lochs(Seen) nordweſtlich von Glasgow, den ich mit einigen Familien unternahm. Auf kleinen Vergnügungsdampfern machten wir Rundfahrten auf den Seen, deren ſchönſter der Loch Lomond iſt. Hierbei konnte ich ſo recht die eigenartigen Reize der ſchottiſchen Landſchaft kennen lernen. Hohen Wald gibt es faſt nicht, Obſtbäume ſind ſehr ſelten, da in dem rauhen Klima nur wenig Obſt noch gedeiht. Obgleich alſo die Berge ganz kahl ſind, iſt das Landſchaftsbild doch nicht unſchön, allerdings entbehrt es nicht einer gewiſſen Herbe. Sind doch bezeichnenderweiſe Heidekraut und Diſtel die Sinnbilder des Landes! Infolge der vielen Bergweiden ſpielt die Schafzucht eine größere Rolle als die Landwirtſchaft. Die Nord⸗ und Nordweſtküſte iſt ganz unfruchtbar und, wie die Karte zeigt, ohne Anſiedlungen. Dieſe Küſte kennen zu lernen, hatte ich auch Gelegenheit, da mich ein Hamburger Frachtſchiff von Glasgow aus in die Heimat mitnahm. Wir fuhren zuerſt nach Süden, an der iriſchen Küſte vorbei, dann durch drei Sunde an der ſchottiſchen Weſtküſte entlang, ſahen im Weſten die Hebriden liegen, hatten Sturm im Atlantiſchen Ozean vor dem Kap des Zorns, kamen ſüdlich von den Orkney⸗Inſeln und der Scapa Flow, wo unſere Flotte verſenkt iſt, vorbei und hatten dann eine prachtvolle dreitägige Fahrt durch die Nordſee.

Nach ſechstägiger Seereiſe und ſiebenwöchiger Abweſenheit von Deutſchland landete ich an einem ſchönen Sonntagmorgen in Hamburg. Ich hatte allen Grund, mit dem Ergebnis meiner Studienreiſe zufrieden zu ſein, da ſie nicht nur ungemein belehrend, ſondern auch reich an großen perſönlichen Erlebniſſen war.