2. DAs SCHULERINNENHEIM
Bei der allgemeinen Abneigung der Lehrerschaft gegen die Internate hatte man darauf verzichtet, mit dem Seminar für Volksschullehrerinnen ein Internat zu verbinden. Schon bald empfand das Lehrerkollegium das Fehlen eines Internats als einen großen Mißstand, da manche Schülerinnen mangelhaft verpflegt wurden; aber nach dem Kriege und nach Umwandlung des Seminars in die Aufbauschule wirkte das Fehlen des Schülerinnen- heims geradezu katastrophal. Die drei Aufbauklassen zählten 1925 unter den 58 Schülerinnen nur 3 Schülerinnen, deren Eltern nicht in Starkenburg wohnten, da die Eltern aus den anderen Provinzen und auch aus den ent-— fernteren Orten der Provinz Starkenburg die beträchtlichen Kosten zur Unterbringung ihrer Kinder in Familien nicht aufbringen konnten. Dieser Mißstand übte seinen Einfluß auch auf die Leistungen der Schule aus. Während vor dem Krieg die Zahl der Anmeldungen für die untersten Klassen des Seminars 50 und mehr betrug und damit die Möglichkeit gegeben war, die besten Schülerinnen auszuwählen, war das jetzt nicht mehr der Fall. Um das Bestehen der Anstalt nicht zu gefährden, mußten auch Schülerinnen zugelassen werden, die den hohen Anforderungen der Aufbauschule nicht gewachsen waren. Wenn die Schule ihrer Aufgabe: den begabten Kindern vom Lande eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, gerecht werden soll, ist das nur mit Hilfe eines Schülerinnen- heims zu erreichen. Ein Vater, der als Arbeiter oder unterer Beamter nur ein geringes Einkommen hat, kann unmöglich die Flälfte oder noch mehr auf die Ausbildung seiner Tochter verwenden. Bei der schlechten Finanz- lage des Staates aber machte die Beschaffung geeigneter Räume für das Heim große Schwierigkeiten, und erst gegen Ende des Schuljahres 1025/20 gelang es, das pädagogische Institut aus dem Erdgeschoß unseres Schulhauses in das frühere Lazarett zu verlegen, wodurch das gesamte Erdgeschoß frei wurde. Da in derselben Zeit große Bestände an Möbeln, Hauseinrichtungsgegenständen und Webwaren verkauft wurden, die für die Besatzungs- truppen bestimmt, aber nunmehr freigegeben worden waren, konnten wir für den Betrag von rund 6000 Mark die vollständige Einrichtung von 10 Doppelschlafzimmern, einem Speisesaal für 24 Personen, eine Kücheneinrich- tung und die erforderlichen Hauseinrichtungsgegenstände erwerben. Nachdem der Landtag am 22. März 1026 12 000 Mark bewilligt hatte, damit wir neben dem Erwerb der erwähnten Einrichtung die baulichen Anderungen vornehmen konnten, wurden in 3 Klassen des Erdgeschosses je 2 Wände und in einem vierten kleineren eine Wand eingezogen und so für etwa 30 Schülerinnen des Heims die Zimmer geschaffen.
Der Klassensaal neben dem früheren Direktorzimmer wurde Speisesaal, der daneben liegende Gang durch Einziehen einer Wand als Küche eingerichtet und unter Benutzung des gegenüberliegenden Gangs Raum für eine Speisekammer geschaffen, sowie unter der Küche im Kellergeschoß ein Bad eingeridhtet. Das frühere Direktor- zimmer wurde Wohn- und Schlafzimmer für die Leiterin des Heims, das am 4. Mai 1926 mit 90 Schülerinnen eröffnet wurde, und das am Schlusse des Schuljahres 1027/28 27 Heimchen zählt.
Das Heim soll den Schülerinnen einen Ersatz des Elternhauses bieten. Deshalb wurde auf die Einrichtung von Schlafsälen verzichtet, vielmehr je 2 bis 3 Schülerinnen ein besonderes Zimmer zugewiesen. Da die Schülerinnen außerdem während der O Jahre, wo sie im Heim untergebracht sind, die Führung des Haushaltes lernen sollen, halten die Mädchen ihre Zimmer selbst in Ordnung, helfen bei der Zubereitung des Essens, bei dem Auftragen und Abtragen der Speisen, bei dem Spülen des Geschirrs usw. Das hat auch den Vorteil, daß das Heim mit weniger Hilfskräften geführt werden kann, so daß den Schülerinnen für 30 Mark monatlich eine gute Verpflegung gegeben und mit diesem Betrag auch die Kosten für Bedienung, Heizung, Beleuchtung und Unterhaltung der Wohnung gededt werden. Die Leitung des Heims ist einer Lehrerin übertragen, die imstande ist, den Haushalt zu führen, die aber auch— und das ist wesentlich— den Heimchen eine mütterliche Freundin und Erzieherin sein kann. Leiterin des Heims war bis zu ihrer Verheiratung im August 1927 die Hilfslehrerin Marie Volk. Im August 1927 trat an ihre Stelle die Hilfslehrerin Käthe Bähringer.
Da die Schülerinnen, die jetzt im Heim wohnen, zum größten Teil den beiden untersten Klassen angehören, wird das Heim in den nächsten Jahren noch eine beträchtliche Zunahme erfahren, so daß unbedingt neue Räume geschaffen werden müssen, was auch durch einen Anbau an unser Schulhaus mit verhältnismäßig geringen Kosten möglich ist. Wir geben uns deshalb der Hoffnung hin, daß der Landtag, der seither in dankenswerter Weise unsere Anstalt gefördert hat, die für den Erweiterungsbau erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen wird.
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