Bei der Feier des Geburtsfestes Seiner Kgl. Hoheit des Großherzogs (25. November), die aus Anlaß der kurz vorher erfolgten Geburt des zweiten Prinzen eine er- höhte Bedeutung gewann, hielt Herr Oberlehrer Dr. Blecher die Festrede über Wesen und Ziele der Volkskunde, unter besonderer Berücksichtigung von Rheinhessen. Die Festrede bei der Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers hatte Herr Oberlehrer Como übernommen. Er sprach über das mittelalterliche Bingen im Rahmen der deutschen Reichs- und Städtegeschichte.
Auch in diesem Jahre nahmen an dem von Herrn Lehrer Beck geleiteten Steno- graphie-Unterricht(System Gabelsberger) eine große Anzahl von Schülern aus den Klassen Tertia und Sekunda teil. Der im vorigen Jahre gegründete Stenographische Schüler- verein hat sich zu weiterer Blüte entfaltet.
Wir sind in der angenehmen Lage, von einem namhaften Geschenk und zwei hoch- herzigen Vermächtnissen zu Gunsten unserer Anstalt berichten zu können.
Am 17. Mai 1908 teilte Herr Dr. iur. Jakob Feist in Frankfurt a. M. dem Unter- zeichneten mit, daß er bereit sei, der Anstalt 500 M. zur Verfügung zu stellen. Wir haben das Geschenk mit Dank angenommen und auf der Kreissparkasse zu Bingen verzinslich angelegt. Es soll den Grundstock zu einer neu zu errichtenden Schülerbibliothek bilden. In seinem Briefe schreibt Herr Dr. Feist, daß er von 1844—1848 Schüler der Anstalt war und sie in warmer und dankbarer Erinnerung habe. Mit besonderer Hochachtung spricht er von dem damaligen Direktor Eduard Sander. Einen Monat später hat der edle Spender die Augen für immer geschlossen. Zahlreiche und bedeutende Vermächtnisse bekunden seinen wohltätigen Gemein- sinn. Auch unsere Anstalt wurde mit einem Legat von 10 000 M. bedacht, das auf Weisung Gr. Ministeriums mündelsicher und zinstragend angelegt werden wird, sobald die Genehmigung zur Auszahlung der Vermächtnisse von seiten S. M. des Königs von Preußen eintrifft. Uber die Verwendung der Zinsen ist noch keine Entscheidung getroffen.
Eine weitere Zuwendung zu Gunsten unserer Anstalt stammt aus dem Nachlaß des Rentners Herrn Ferdinand Seeligmann I. in Bingen. Sein Testament, errichtet am 20. Februar 1902, lautet:„Aus meinem Nachlaß soll ein Betrag von Zehntausend Mark ent- nommen und der israelitischen Religionsgemeinde zu Bingen, die heute unter dem Rabbinate des Dr. Grünfeld steht, übergeben werden, um aus dessen Zinsen das Realschulgeld für unbemittelte Knaben ohne Unterschied der Konfession aus der Stadt Bingen und dem Kreis Bingen alljährlich zu bezahlen. Das Wahl- und Bestimmungsrecht hat diese israelitische Religionsgemeinde zu Bingen, der auch die Verwaltung des angegebenen Betrags zusteht. Diese Stiftung kann Ferdinand Seeligmann'’sche Stiftung benannt werden.“
Wir verfehlen nicht, im Namen der Anstalt unseren öffentlichen Dank zum Ausdruck zu bringen.
Nach einem Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung vom Dezember vorigen Jahres sollte der Realschulneubau so gefördert werden, daß der Einzug in das neue Gebäude be- stimmt im April l. J. erfolgen könne. Wie nun die Verhältnisse liegen, ist daran leider nicht
zu denken, sodaß wir das neue Schuljahr wieder in den unzureichenden Räumen beginnen müssen.


