Großherzogliche Pealſchulr zu Bingen.
Da das Oſterprogramm 1882 nur ganz kurze Schulnachrichten enthalten kann, an Weihnachten auch nur einzelnen Schülern Cenſuren ausgeſtellt werden, halten wir es für nötig, jetzt einige Worte an die Eltern zu richten.
Es befindet ſich nämlich unter den Zöglingen der Anſtalt noch eine ziemliche Zahl, die es den Lehrern unendlich erſchwert, etwas Erſprießliches zu erzielen. Dieſe Schüler zeigen vor allem keine Aufmerkſamkeit in den Lehrſtunden, merken ſich die Aufgaben nicht, obwohl dieſelben immer ins Klaſſenbuch eingetragen werden, fertigen oft auch die leichteſten und kurzen Aufgaben gar nicht oder nur unordentlich an und verfallen dann erſt in kleinere Strafen, die ſie nicht beachten, ſo daß ſich ſchließlich die Strafen häufen und jene Schüler ein Hemmſchuh für das Fortſchreiten der ganzen Klaſſe ſind. Auch wenn man ſie dann noch weiter berück⸗ ſichtigt, ſo iſt doch nach Ablauf des Schuljahres das Wiſſen und Können ſo mangelhaft, daß es nach den beſtehenden Vorſchriften und im Hinblick auf die Erreichung des vorgeſchriebenen Lehrplanes unmöglich iſt, ſolche Schüler zu verſetzen..
Wir können dagegen den genaueſten Nachweis liefern, daß auch die recht mäßig bean⸗ lagten Schüler bei ernſter Aufmerkſamkeit und gewiſſenhaftem Fleiße regelmäßig aufrücken.
Daraus ergibt ſich unſere Bitte an die Eltern, die ſäumigen und leichtfertigen Arbeiter anzutreiben, ſie zur Aufmerkſamkeit anzuhalten und zur Gewiſſenhaftigkeit zu erziehen.
Vielleicht gelingt es dann, die leider noch ſo häufig nötig werdenden Arreſtſtrafen zu vermindern. Der unterzeichnete Direktor iſt wie das Lehrerkollegium überhaupt beſtrebt, darauf zu wirken, daß ſolche Strafen nur möglichſt ſelten zuerkannt werden müſſen. Wollten die Eltern die darauf gerichteten Beſtrebungen geeignet unterſtützen, ſo ſollte es doch möglich ſein, dieſes Ziel zu erreichen. Weniger für die geringer begabten, aber gewiſſenhaften Schüler, als für ſolche, die zu Leichtſinn und leichtfertiger Anfertigung ihrer Arbeit neigen, empfiehlt ſich ein„Aufgabenbuch“, in das die Aufgaben ſofort einzutragen ſind. Die betr. Lehrer werden gern mit behülflich ſein, den Eintrag zu erleichtern. Bei den bezeichneten Schülern iſt dann aber zu Hauſe eine geeignete Aufſicht nötig; wenigſtens ſollten die Eltern die Einträge im Aufgabenbuch nachſehen, um zu wiſſen, was aufgegeben iſt.
Obwohl das ganze Lehrerkollegium beſtrebt iſt, die Aufgaben erſt nach gehöriger Vor⸗ bereitung zu ſtellen und nicht zu viel aufzugeben, iſt es immerhin, wie in jeder Anſtalt, möglich, daß hie und da einzelne Schüler etwas mehr zu arbeiten haben, als zu empfehlen iſt. Nach den hier wiederholt vorgenommenen Zuſammenſtellungen zwar kaum, aber es kann vorkommen, daß ſchwache Schüler oder ſolche, die mit großer Milde verſetzt wurden, länger arbeiten müſſen, als die Schüler mit beſſeren Anlagen und mit reiferem Standpunkte. Immer aber wird auch bei ſolchen Schülern eine rechtzeitig vorgebrachte Mitteilung berückſichtigt werden. Wir ſind ſogar den Eltern dankbar, wenn ſie ſich in geeigneter Weiſe an uns wenden. Der unterzeichnete Direktor iſt täglich um 12 Uhr in ſeinem Amtszimmer zu ſprechen.
Ueber die häuslichen Arbeiten ſagen die Miniſterialreſkripte vom 22. Februar 1877 und vom 27. Mai d. J., dieſelben ſollten in Kl. VI nicht über 1 ½, in Kl. V und IV nicht über 2, in Kl. III und II nicht über 2 ½ und in Kl. I nicht über 3 Stunden in Anſpruch nehmen und die Zeit von 12—2, unmittelbar nach dem Nachmittagsunterrichte und nach 10 Uhr abends nicht benutzt werden.
Häufig jedoch ſchützen die Schüler nur Ueberbürdung vor und vergeuden dabei die Zeit oder ſchädigen die Geſundheit durch verfrühte Genüſſe, wie Tabakrauchen.


