Wilhelm Heinrich Riehl, der be- deutende Kulturhistoriker, nach dem unsere Schule benannt ist, wurde am 6. Mai 1823 hier in Biebrich geboren, wo sein vielseitig begabter Vater Schloß- verwalter des Herzogs Wilhelm von Nassau war. Hier lebte auch sein Großvater als Herzoglich nassauischer Haushofmeister, und hier war es, wo er von beiden wackern Männern die sein Leben und Wirken bestimmende Richtung erhielt. Vom GCroßvater erbte er den christlich-frommen Charakterzug, den Sinn für Menschen- und Naturbeobach- tung, die Wanderlust, das Selbstgefühl und den Trieb, durch eigene Kraft und Tätigkeit emporzuklimmen. Der YVater weckte in dem Knaben den Sinn für die bildende Kunst und die Liebe zur Musik, schärfte den Blick für das Weite und die Größe der Zusammenhänge und gab dem Sohne vielfache Anregungen zu kulturgeschichtlicher Betrachtung.
Früh des Vaters beraubt, ging der Jüngling nach Besuch des Gymnasiums zu Weilburg zur Universität, um Theologie zu studieren. Aber bald wandte er sich, zum Schmerz der frommen NMutter, von der Theologie ab und dem politischen Journalismus zu, in dem er 10 Jahre im Sinne der großdeutschen und konser-— vativen Richtung tätig war. Aus dieser Tätigkeit berief ihn 1854 der hochsinnige
Wilhelm Heinrich Riehl. Maximilian II. von Bayern als Professor jm siebeigsten L.ebensjahr der Kulturgeschichte und Statistik an die nach einer freundlich zur Verfügung gestellten Photographie. Universität München. Veranlaßt wurde
der König hierzu durch Riehls vortreffliche Schriften„UÜber die bürgerliche Gesell- schaft“ und„Land und Leute“.
Uber 43 Jahre hat Riehl dort seines Amtes gewaltet, ein Begründer der modernen„Gesell- schaftslehre“, der Stolz der Münchener Hochschule, wie nicht minder wegen seiner geistvollen musikgeschichtlichen Vorlesungen auch der Münchener Musikschule. Er leitete die Herausgabe der„Bavaria“, jener bekannten Landes- und Volkskunde Bayerns, ebenso eine Zeit lang„Raumers historisches Taschenbuch“, wurde Direktor des bayrischen Nationalmuseums, Generalkonservator der Kunstdenkmäler und Altertümer Bayerns und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
Doch nicht bloß im Kreise der Fachgenossen und innerhalb der Grenzen Bayerns erwarb sich der vielfach Ausgezeichnete großes Ansehen, sein Streben ging dahin, dem ganzen deutschen Volke zu dienen durch Verbreitung der Kunde von deutscher Art und Sitte. Das hat er mit großem Erfolg getan in seinen überaus zahlreichen„Wandervorträgen“, in seiner„Naturgeschichte des Volkes“, den„Kulturstudien aus 3 Jahrhunderten“, dem schönen Buch„Die deutsche Arbeit“ u. v. a. Auch als Musikschriftsteller und Komponist, besonders aber als Dichter von zahlreichen „kulturgeschichtlichen Novellen“, deren Schauplatz vielfach seine nassauische Heimat ist, hat er sich viel Ruhm erworben, wie nicht minder durch sein köstliches Buch„Religiöse Studien eines Weltkindes“.
Am 16. November 18907 ist der rastlos tätige Mann, der„den Vorschmack des Himmels in der Seligkeit der Arbeit“ fand, dahingeschieden, tief betrauert von allen, die ihm persönlich oder geistig näher getreten waren.— Sein Andenken wird in Deutschland nicht untergehen.
Die Schule aber ist stolz darauf, den Namen dieses berühmten Biebricher Sohnes führen
zu dürfen. Leiter und Lehrer derselben werden allezeit bemüht sein, im Geiste Riehls die ihr anvertraute Jugend heranzubilden.


