Jahrgang 
1871
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Festrede.

Unsern Eingang segne Gott! Lass, o Herr, dies Haus, das wir heute zum ersten Male Alle betreten, Dir geweihet sein, nimm es in Deinen Schutz und behüte es vor allem Schaden, lass die Räume Dir geheiligt sein als Stätten, wo Dein Wort gelehrt, die Wissenschaft gepflegt, Zucht und Sitte heilig gehalten wird, ja segne Du das ganze Werk! Amen!

Hochzuverehrende Festversammlung!

Ein Freudentag ist es, der uns mitten in einer grossen Zeit heute hier zusammen führt. Ein Werk des Friedens, den Bau wollen wir einweihen, der unter Gottes gnädigem Schutze zur Vollendung gediehen und bestimmt ist, der Jugendbildung zu dienen, eine Pflanzstätte zu sein für alles Schöne, Wahre, Gute. Unsern Schülern und uns, den Lehrern, geht mit diesem Tage ein Wunsch in Erfüllung, den wir lange und innig gehegt, den unsere Hohe Regierung in weiser Fürsorge um das Erziehungswesen befürwortet und dem unsere Bürgerschaft mit Aufopferung genügt hat, indem sie für alle Zeiten ihrem gesunden Sinne ein schlichtes, dauerndes Denkmal gesetzt. Möge des Himmels reichster Segen auf dem edlen Werke ruhen!

In dieser grossen, gewaltigen Zeit, da die Wogen des staatlichen Lebens höher gehen, als dessen je Einer von uns Zeuge gewesen, da Ereignisse einander im Sturme gefolgt sind, deren die Geschichte niemals grössere berichtet hat, da das deutsche Volk, sich aufraffend, einig und darum einzig da steht: da ziemt es wohl der deutschen Schule, einen ernsten Blick in ihr Leben zu werfen und sich und der Oeffentlichkeit Rechenschaft zu geben, denn des Volkes Macht wurzelt in der Bildung, und die Bil- dung wurzelt in der Schule, und die Grösse des Volks ist die edelste Blüte der stillen Arbeit der Schule. Gestatten Sie mir denn, hochverehrte Versammelte, Ihnen von Dem zu reden, was unsere Schule will, zunächst aber einen kurzen Rückblick zu werfen auf die Vergangenheit der Anstalt, die heute in die neuen Räume einzieht, um sich da weiter zu entwickeln und zu gedeihen.

Die Errichtung einer höheren Schule für unsere Stadt fällt in das Jahr 1847. Unsere frühere, die Nassauische Regierung, hat stets und überall mit Liebe dem Schul- wesen ihre Sorge zugewandt; ihre Räthe haben mit Sachkenntniss und Eifer die Ent- wicklung der Bildungs-Anstalten begünstigt und dem Nassauischen Schulwesen einen ehrenvollen Rang in Deutschland gesichert: darum wird ihr Andenken wie dasjenige unseres früheren Landesherrn, Sr. Hoheit des Herzogs Adolph, ein uns stets gesegnetes bleiben. Als dann der Entwicklungsgang der deutschen Frage uns mit Preussen verband, da sind wir getrost eingetreten in die neuen Verhältnisse und die neue Zeit, hofften und wussten wir ja, dass in dem Staate der Intelligenz nur neuer Segen unserem Schulwesen zu- fliessen konnte.

Bei dem Einzug in das neue Gebäude muss ich vor Allem erwähnen, das diessem Neubau seit zwei Jahren ein innerer Umbau vorangeht; das Lehrer-Collegium hat eine