Jahrgang 
1912
Einzelbild herunterladen

17

Vertreter der Stadt, die herren Direktoren Karg und Dr. Schäfer von den Lehrerſemi⸗ narien Alzey und Friedberg, die Spitzen aller hieſigen Behörden, der Erbauer des Semi⸗ nars hHerr Regierungsbaumeiſter Karl Köſter und viele andere herren aus der Stadt und der nahen und weiteren Umgebung. 5u dem Lehrerkollegium und den jetzigen Zöglingen hatten ſich noch viele ehemalige Schüler des Seminars und Lehrer des Landes geſellt. Richt vergeſſen ſei auch die große Anzahl der Dertreter der beim Bau beteiligten Fir⸗ men, der Meiſter und hHandwerker, die am neuen hauſe länger oder kürzer tätig waren.

Kls würdige Einleitung des Feſtes ſpielte die Kapelle des heſſiſchen Artillerieregi⸗ ments Nr. 61 unter Leitung ihres Kapellmeiſters herrn Weber aus Darmſtadt den Chor: Ich bete an die Macht der Tiebe. Darnach ergriff der dienſtälteſte Oberlehrer Prof. Lenhart zum Kbſchied von dem alten und ehrwürdigen Seminargebäude das Wort.

In ſeiner Gedächtnisrede zeichnete er die Stätte, die verlaſſen wurde, als einen Kultur⸗ boden, der von alter Zeit her mit den Mutterkräften des Gebetes und der Arbeit als Quellort des Segens geweiht ſei. In Ausführung dieſes Gedankens griff der Redner zu⸗ rück auf die Zeit des dreißigjährigen Krieges, der das Rodenſteinſche Fideikommißgut zer⸗ ſtörte und die Abtretung des platzes an die Kapuziner veranlaßte. Dieſe bauten zwiſchen 1653 und 62 Kloſter und RKirche. Durch die Säkulariſation wurde das Kloſter ſeinem urſprünglichen 5wecke entfremdet und 1821 durch Derfügung Ludwigs I. heim des neu⸗ errichteten kath. Lehrerſeminars für heſſen. lls Seminar durchlebte das hHaus noch eine neunzigjährige wechſelvolle Geſchichte. 8 Direktoren, 36 ordentliche, 10 außerordentliche Lehrer und 9 Hülfslehrer waren im ganzen an der Anſtalt tätig. 1966 Söglinge wurden aus ihr in den Schuldienſt des Landes entlaſſen. Die Rede ſchloß mit einem Segenswunſche für die alte Kulturſtätte, auf die nun ein neuer herr die hand legt.

Mit dem ChoralRun danket alle Gott fand der erſte Teil des Feſtaktes im alten Seminar einen ergreifenden Abſchluß. Bei herrlichem Sonnenſchein ſtellte ſich auf der Ter⸗ raſſe vor der Seminarkirche der Feſtzug auf und marſchierte unter Vorantritt der Muſik, der unmittelbar die Zöglinge mit der Seminarfahne folgten und unter Beteiligung von mehreren hundert herren über den mit Fahnen reichgeſchmückten Marktplatz und durch die Darmſtädter⸗ und Rirchbergſtraße nach dem neuen Seminarheim in der Kaiſer Wilhelm⸗ ſtraße, das in dem Schmuck wehender Fahnen und grünender Pflanzen und Guirlanden ſich bräutlich ſchön präſentierte.

Der weite Hof war mit weiteren Feſtteilnehmern faſt überfüllt. Auf der Freitreppe vor dem portal hatte herr Regierungsbaumeiſter Köſter, der von ſeiner neuen Wirkungs⸗ ſtätte Eſſen zur Einweihungsfeier erſchienen war, mit den übrigen Beamten des Reubau⸗ büros Aufſtellung genommen, begrüßte die herren Vertreter der Großh. Regierung und die Feſtteilnehmer mit Worten der Freude und des Dankes und überreichte nach längeren Kusführungen über die Vorgeſchichte, die Errichtung und Koſten des Reubaues den Schlüſſel an den hHerrn Geh. Oberbaurat Klingelhöffer aus Darmſtadt.

Dieſer widmete hierauf herzliche Worte der Anerkennung dem genialen jugendlichen Baumeiſter herrn Köſter, der nicht nur die pläne in muſtergültiger Weiſe entworfen, ſon⸗ dern auch das ganze Werk ohne Störung und jeglichen Unfall zur 3ufriedenheit Großh. Regierung ausgeführt habe. Aus ſeiner hand wanderte der Schlüſſel in die des Re⸗ gierungsvertreters, des herrn Miniſters, der Großh. Bauabteilung und dem hHerrn Re⸗ gierungsbaumeiſter Röſter und allen übrigen Künſtlern, Meiſtern, Gehilfen, handwerkern und Arbeitern, die an dem ſchönen Werke mithalfen, herzlich dankte und das Gebäude dem jetzigen Direktor des Seminars zu ſeiner Beſtimmung übergab. Geh. Schulrat Geiger übernahm den Schlüſſel mit dem Gelöbnis, ein treuer hüter des hauſes ſein und im Verein mit ſeinem Lehrerkollegium die von Sr. Exzellenz ausgeſprochenen Erwartungen verwirklichen zu wollen, damit aus dem hauſe junge Lehrer hervorgehen, denen die För⸗ denen wahrer Volksbildung und pflege der Liebe zu Fürſt und Vaterland ernſte Herzens⸗ ache ſei.