Jahrgang 
1927
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Quarta beginnen und in einem 4jährigen Kursus zur Erwerbung der Obersekundareife einer Oberrealschule führen._ Aufbauschulen im Sinne unserer und der norddeutschen zur Reife- prüfung führenden Vollanstalten gibt es also in Süddeutschland bis jetzt nicht. Aber es ist zu hoffen, dass man auch hier ihnen bald grösseres Verständnis und Vertrauen entgegen bringen wird, je mehr sie in den nächsten Jahren ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, ihre prak- tische Bedeutung für weite Kreise unseres Volkes und die verschiedensten Berufs- und Interessengruppen zu erweisen vermögen.

Die Aufnahmeziffern haben bereits zugenommen, seit im Juni 1925 die Regierungen der deutschen Länder die Vereinbarung getroffen haben, das Reifezeugnis der Aufbau- schulen anzuerkennen und ihre Reifeprüflinge zum Studium und zu den akademischen Prüfungen an ihren Universitäten und Hochschulen zuzulassen. Baden hat seine Zustimmung zu dieser Vereinbarung der Unterrichtsverwaltungen vorläufig versuchsweise bis einschl. Ostern 1931 erklärt. Bayern hat als einziger Staat sich zunächst ausgeschlossen. Auch dieser Zustand hat sein Gutes. Er verpflichtet die Schulen zu dem Nachweis dessen, was sie tatsächlich zu leisten vermögen. Entscheidend wird sein, wie in den nächsten Jahren ehemalige Aufbau- schüler an den Hochschulen mitzuarbeiten vermögen.

Was den Lehrplan betrifft, so liegt den vier hessischen Aufbauschulen wie fast allen übrigen des deutschen Reiches der Lehrplan der oben erwähnten Deutschen Oberschule zu Grunde, wenn auch im einzelnen Verschiedenheiten zugelassen sind. Im Mittelpunkt stehen die deutschkundlichen Fächer: Religion, Deutsch, Geschichte, Staatsbürgerkunde und Geographie. Der Unterricht in Philosophie und Kunstbetrachtung ebenso wie in Musiklehre kommt denen entgegen, die nach geistiger oder künstlerischer Vertiefung streben.

Die Betonung der deutschkundlichen Fächer lässt die Aufbauschule als besonders ge- eignet erscheinen für künftige Germanisten und Deutschlehrer. Dass die Aufbauschule auch für den künftigen Volksschullehrer eine vortrefflidhe Vorbereitungsanstalt ist, ist kein Zweifel, zumal wenn die aus dem frischen Jungbrunnen unverbrauchten Volkstums aufsteigenden geistigen Kräfte gerade wieder auf dem flachen Lande als Volkserzieher wirken und ihrerseits wieder die begabten Kinder auf diesen Bildungsweg hinweisen können. Aber die Aufbauschule darf und will nicht nur Vorbereitungsschule für das künftige Lehrerstudium sein.

Mathematik und Naturwissenschaften werden in dem Umfange gelehrt, dass auch das Studium dieser Fächer und aller Arten von technischen Berufen an Universität und Technischer Hochschule möglich ist.

Als erste Fremdsprache lernen unsere Schüler Latein, als zweite von Untersekunda ab Französisch. Latein um seiner grundlegenden Bedeutung willen für jedes Studium und für jedes tiefere Verständnis deutscher wie fremder Sprache und Kultur; Französisch wegen seiner für uns im Westen besonderen Bedeutung, aber auch zu einer gründlicheren Einführung in eine der deutschen entgegengesetzte Kulturwelt. In den beiden oberen Klassen kann wie an wahlfreien physikalischen, chemischen oder biologischen Uebungen so auch an einem wahl- freien englischen Unterricht teilgenommen werden. Alle Schüler erlernen von der untersten Klasse ab das Klavierspiel; auch die Erlernung des Violin- und Orgelspiels ist möglich. Ebenso wird in den 3 untersten Klassen Gelegenheit gegeben, sich in der Reichskurzschrift zu üben. Turnen und Sport erfahren sorgsame Pflege. So glauben wir, in wissenschaftlicher wie praktischer Hinsicht unseren Schülern ein wertvolles Rüstzeug mit auf den Lebensweg zu geben, vor allem aber ihre geistigen Kräfte und Fähigkeiten in dem Masse zu wecken und zu schulen, dass die Reifeprüflinge der Aufbauschule hinter denen anderer höherer Lehranstalten im Leben wie in praktischen und gelehrten Berufen nicht zurückzustehen brauchen.