Jahrgang 
1927
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l. Die Aufbauschule.

Die Neuordnung des Schulwesens hat stärker als bisher vier in Ziel und Verteilung der Lehrfächer verschiedene Schularten altsprachlicher, neusprachlicher, mathematisch-natur- wissenschaftlicher und deutschkundlicher Richtung herausgearbeitet: Gymnasium, Reformreal- gymnasium, Oberrealschule und Deutsche Oberschule. Daneben hat man das seitherige Real- gymnasium bestehen lassen. Eine völlig neue Schulart ist die Deutsche Oberschule, in der im Unterschied zu den mehr fremdsprachlich oder mathematisch-naturwissenschaftlich ge- richteten Anstalten das nationale Kulturgut in deutscher Sprache, Geschichte und Kunst besondere Pflege finden soll. Ueber das Wesen der Deutschen Oberschule gibt beachtens- werten Aufschluss die Denkschrift der preussischen Unterrichtsverwaltung'), in der es

unter anderem heisst:

Die Idee der Deutschen Oberschule, in der Seele grosser Denker, Forscher und Erzieher unserer deutschen Ver- gangenheit geboren, ist zuerst in den Tagen der Siegeshoffnung, dann verstärkt in den Tagen des Zusammenbruchs so erstarkt, dass die Errichtung Deutscher Oberschulen eine kulturpolitische Notwendigkeit geworden ist. Rudolf Hildebrand, (der diese Idee am tiefsten durchdacht und am klarsten ausgesprochen hat, erkannte darin das grosse Lebensgesetz der Völker, dass diese sich selbst wieder suchen, wenn sie sich erneuern wollen. Denn eine solche Selbsterneuerung aus eigener Kraft und Art zu neuem Leben sei eine von Zeit zu Zeit wiederkehrende höchste Aufgabe, ein grosses Lebens- gesetz für die einzelnen wie für die Völker. Gegenüber der Herabwürdigung der deutschen Kultur durch unsere Feinde während des Krieges, in Abwehr gegen die Kulturpropaganda fremder Völker in unseren Grenzgebieten, im Gefühl der Kulturgemeinschaft mit den Deutschen in den verlorenen Ländern und im Auslande, schliesslich in bewusster Ablehnung der Ansicht, unsere Kultur sei bereits zur Zivilisation erstarrt und habeihre innere Beseelung verloren, ist der Glaube an die Bildungskraft und die Lebendigkeit der deutschen Kultur in bedeutsamen Volksschichten so stark geworden, dass er seine Auswirkung in einer besonderen Form der höheren Schule zu fordern berechtigt ist.

Derartige grundständige, d. h. mit Sexta wie Gymnasien, Realgymnasien und Ober- realschulen beginnende 9klassige Deutsche Oberschulen besitzt Hessen noch nicht. Die verhältnismässig meisten grundständigen Deutschen Oberschulen hat z. Zt. Sachsen.

An und für sich nichts zu tun mit dem Gedanken der Deutschen Oberschule hat der Begriff der Aufbauschule. So nennt man die Schulen, deren Klassen sich aufbauen auf den vollständigen oder fast vollständigen Lehrgang der Volksschule. Während die Bezeichnung Deutsche Oberschule also etwas aussagt über das innere Wesen, über die im Mittelpunkt der neuen Schulart stehenden Fächer, bezieht sich der Name Aufbauschule nicht auf den Inhalt, sondern auf die Form; er bezeichnet den äusseren Aufbau einer neuen Schulart,.die nach dem Lehrplan einer Deutschen Oberschule, aber z. B. auch einer Oberrealschule eingerichtet sein kann.

Während die übrigen höheren Schulen sich an die sog. Grundschule anschliessen, also die Schüler nach 4jährigem Besuch der Volksschule aufnehmen, baut die Aufbauschule auf den vollendeten Besuch der Volksschule auf, nimmt aber körperlich gut entwickelte Kinder auch schon nach 7jährigem Volksschulbesuch auf. Dafür führt die Aufbauschule ihre Schüler nicht wie die übrigen höheren Schulen in 9 Jahren, sondern bereits in 6 Jahren zur Reifeprüfung. Die gesamte Schuldauer ist also die gleiche, wenn die Schüler bereits nach 7 Volksschuljahren in die Aufbauschule eintreten.

Auch die für manche kaufmännische und mittlere Beamtenberufe erforderliche sog. mittlere Reife, die dem früheren Einjährigen entspricht, kann in der gleichen Zeit wie in den Realschulen und anderen höheren Lehranstalten durch den erfolgreichen Besuch der Unter- sekunda einer Aufbauschule ohne Zeitverlust, nämlich nach 3 Jahren, erworben werden. Doch ist die Aufbauschule in erster Linie für solche Schüler bestimmt, die die Anstalt voll- kommen durchlaufen wollen.

Folgende Gegenüberstellung möge den Aufbau der Klassen veranschaulichen:

') Richtlinien für einen Lehrplan der Deutschen Oberschule und der Aufbauschulen. Hgb. v. Ministerialrat Richert(Weidmannsche Taschenausg. Heft 6), 3. Aufl., Berlin 1925.