—-— 21—
Ein Biedermeierzimmer.
Die leuchtend warme Juniſonne eines heiteren Sonntagmorgens wirft ihre Strahlen in ein freundliches Biedermeierzimmer, deſſen helle Birkenmöbel in ihrer Schlichtheit und Einfachheit unwillkürlich ein Gefühl der Behaglichkeit hervorrufen. Ich habe dieſes ſonnige Simmerchen, das im 2. Stock unſeres Hauſes nach Oſten hin gelegen iſt, ſo lieb gewonnen, daß ich mich nirgens wohler fühle als hier. Mit einer Strickerei be⸗ ſchäftigt, ſitze ich vor meinem kleinen, ovalen Rähtiſchchen an dem weitgeöffneten, dreiflügeligen Fenſter, durch das der friſche Morgenwind hereinweht und die blütenweißen, getupften Mullgardinen leicht bewegt. Von hier aus habe ich einen herrlichen Blick auf die bunten Blumenbeete des Vorgartens und auf die grünen Linden der Straße, in denen die Vöglein ihre Morgenlieder zwitſchern. Gern laſſe ich auch meinen Blick im SFimmer umherſchweifen. Es iſt ein Raum von mittlerer Größe. In der rechten Seitenwand ſteht ein be⸗ quemes Sofa, das mit ſeinem weichen Polſter zum Ruhen einlädt. Kuf ſeinem grünen Bezua bilden kleine. dunkelgelbe Blumen ein gefälliges Muſter, das dem Ganzen einen wärmeren Ton gibt. Die Rücklehnen und die Beine ſind leicht geſchweift, ebenſo wie die der Stühle, die einen runden Tiſch in der Mitte des Simmers umgeben. Kuch ſie ſind mit demſelben grünen, geblümten Stoff wie das Sofa überzogen. Ruf der weißen Spitzendecke des Tiſches leuchtet in einer alten, kunſtvollen Vaſe aus Fürſtenberger Porzellan ein duſtender Blumenſtrauß. Ein hauptſchmuck des Simmers iſt der große Teppich, der ſich durch ſein etwas dunkleres Grün und durch die bunte Blumengirlande, die den runden Tiſch mit ſeinen vier Stühlen umrahmt, von den hellen Birkenholzmöbeln mit ihren hellgrünen Bezügen prächtig abhebt und dadurch noch lebendiger wirkt. Ueben dem Soſa ſteht in der Ecke ein vorgewölbter Glasſchrank, der mit ſeiner Form der Simmerecke ange- paßt iſt. Hinter ſeinen blankgeputzten Scheiben erzählen bunte, geblümte CTaſſen und Teller aus Großmutters Seiten. Die gegenüberliegende Ecke iſt von dem Schreibtiſch ausgefüllt. Schreibgeräte aller Art, Brieſſachen, die auf Beantwortung warten, Seitungen und Kalender liegen auf der Platte des Schreibtiſches, die mit grünem Tuch beſpannt iſt. Unter dem Schreibtiſch dient ein Papierkorb dazu, erledigte Schreibſachen, Brief⸗ umſchläge und dergleichen mehr aufzunehmen. Ein Spruch an der Wand über dem Schreibtiſch ruft mir zu: „hab Sonne im herzen!“ Daneben grüßen mich Bilder von meinen Lieben, von Verwandten und Bekannten. Der breite, gepolſterte Lehnſeſſel neben dem Schreibtiſch iſt beſonders im Winter ein recht gemütliches und molliges Plätzchen, wenn das kleine, in der Uähe ſtehende Oeſchen ſeine angenehme Wärme ausſtrahlt und die Bratäpfel in der Kachel ihren lieblichen Duft verbreiten. Ueben der Tür, die auf den Flur führt, hat ein Bücherſchrank ſeinen Platz, der in ſeiner Form ebenſo ſchlicht iſt wie die anderen Möbel des Simmers; allein ſein helles, gemaſertes Birkenholz läßt ihn dennoch ſchön und gefällig wirken. Ein Blick in ſein Inneres aber erfreut einen Menſchen, der Verſtändnis hat für ein gutes Buch und für unſere großen Meiſter. Da ſehen wir Werke von Goethe und Schiller, von Körner und Storm; auch Werke moderner Meiſter haben ihren Platz im Bücherſchrank gefunden. Nachdem mein Blick lange mit Wohlgefallen auf den freundlichen Möbeln geruht hat, betrachte ich mir nun die Bilder, die als Schmuck der Wände den behaglichen Eindruck des Simmers noch erhöhen. Da fällt mein Blick zunächſt auf ein Oelgemälde, das in der Mitte über dem Sofa hängt und ſich in ſeinem leuchtenden Goldrahmen von der dunklen Blumentapete vorteilhaft abhebt. Ueber blumiger Alpenwieſe, auf der eine kleine Sennhütte ſonnenbeſchienen daliegt, erheben ſich in wuchtigen Formen die ſchneebedeckten Gipfel des Watzmanns, des Königs der Berge. Ein Gefühl von Sehnſucht nach den ſchönen deutſchen Alpenbergen ſteigt beim Anblick des Bildes in mir auf. In der Uähe des Schreib- tiſches hängt ein Bild Napoleons I., des großen Korſen. Andere Bilder ſind in Form oder Darſtellung der Biedermeierzeit angepaßt. Silhouetten in ovalen ſchwarzen Rahmen ſchmücken die Wände. Ich ſehe Friedrich den Großen, den„alten Fritz“, mit ſeinem Krückſtock und dem bekannten Windſpiel bei einem Spaziergang im Park von Sansſouci. Beſonders durch ein Bild fühle ich mich in die Biedermeierzeit zurückverſetzt. Swei muntere Pferdchen ziehen eine Poſtkutſche aus alter Zeit. Hoch oben auf dem Bock thront der biedere Poſtillon, und ich glaube zu hören, wie er auf ſeinem horne die alte, ſchöne Weiſe:„Freut euch des Lebens“ bläſt; denn ſeine Fahrgäſte ſind ein junges Paar auf ſeiner Hochzeitsreiſe. Mit großem Schutenhut, langen Binde⸗ bändern und Fichu ſchaut die ſtrahlende, junge frau aus dem Fenſter des Wagens. Ihr gegenüber ſitzt der junge Ehemann, auf dem Kopf den Biedermeierzylinder. Das Bild redet von den friedlichen, gemütlichen Zeiten,„als der Großvater die Großmutter nahm“. Und weil ich mir das Leben jener 5eit beſonders be⸗ haglich vorſtelle, liebe ich auch das kleine Biedermeierzimmerchen ſo ſehr mit all ſeinen ſchönen Erinnerungen an die alte Zeit. H. W.


