Jahrgang 
1904
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16 Wir müſſen deshalb darauf achten, daß nicht im Dämmerlicht, bei mangelhafter Beleuchtung,

bei mehr oder minder wagrechter Lage des Körpers, in nachläſſig gedruckten Büchern geleſen wird. Das Herz aber muß geſund erhalten werden, indem wir unſere Kinder von dem lähmen⸗ den Einfluß des Alkohols, von Tabaksqualm, von übermäßigem Sport und Spiel fernhalten und vor allem für den rechten Wechſel zwiſchen Arbeit und Erholung, für eine reichlich be⸗ meſſene Nachtruhe ſorgen.

Eine mindeſtens zweiſtündige Mittagspauſe iſt nur für die durchaus nötige Erfriſchung und für die Mahlzeit beſtimmt. Auch auf den Nachmittagsunterricht muß grundſätzlich eine längere Spielzeit folgen. Jedoch muß es für den Sommer dem elterlichen Hauſe überlaſſen werden, Lage und Länge derſelben zu bemeſſen; im Winterhalbjahr ſollen alle Schüler nach 6 Uhr abends zu Hauſe ſein und ihre Wohnſtätte nur im beſtimmt ausgeſprochenen Auftrag der Eltern oder deren Stellvertreter verlaſſen.

Die häuslichen Aufgaben, die bis zu O III gewiſſenhaft in ein beſonderes Heft oder Buch eingetragen werden ſollen, werden ſo bemeſſen, daß ein mittelmäßig beanlagter Sextaner und Quintaner bei wirklich angeſtrengter Tätigkeit ſie in durchſchnittlich 1 Stunde, ein Quartaner u. Untertertianer in 2 und ein Obertertianer und Unterſecundaner in 2 ½ Stunde gewiſſenhaft machen kann.

Die Fortſchritte der Schüler kann man dauernd zu Hauſe am beſten erkennen aus den Ar⸗ beiten, die in den 5 Hauptfächern, im Deutſchen, Lateiniſchen, Franzöſiſchen, Engliſchen und in der Mathematik, regelmäßig unter Aufſicht des Fachlehrers geſchrieben werden. Es iſt ratſam, die Schüler zu verpflichten, zu einer beſtimmten Stunde, am beſten wohl Sonnabend⸗Nachmittag, die Schularbeiten zur Anſicht vorzulegen.

Wenn die häuslichen Arbeiten, die nur das im Unterricht Durchgenommene befeſtigen und an ſelbſtändige Tätigkeit gewöhnen ſollen, das oben bezeichuete Durchſchnittsmaß überſchreiten oder wenn ſonſt etwas nicht zweckmäßig erſcheint, ſo iſt es Pflicht der Eltern und deren Stell⸗ vertreter, ſich offen und vertrauensvoll an den Direktor oder den Ordinarius zu wenden. Ich verſichere, daß jede wohlgemeinte Mitteilung dankbar aufgemommen, vorurteilslos geprüft und in angemeſſener Weiſe berückſichtigt wird.

Dringend bitte ich, ſtreng darauf zu achten, daß nicht verbotener Weiſe abgeſchrieben und mit anderen Schülern zuſammen gearbeitet wird.

Bei der Beurteilung alles deſſen aber, was durch den Mund der Kinder aus der Schule bekannt wird, bitte ich zu bedenken, daß auch ein wahrheitsliebendes Kind die Dinge oft nicht ſo ſieht, wie ſie wirklich ſind, ſondern ſo, wie die Einbildungskraft ſie ihm vorſpiegelt.

Wir wollen die Jugend an ſtrenge, gewiſſenhafte und ſelbſtändige Arbeit, an ſtraffe Zucht gewöhnen, auf ihren Spielplätzen aber ſoll ſie ſich möglichſt ungezwungen, friſch und frei be⸗ wegen; da iſt nur dann einzugreifen, wenn das Spiel in wildes, ſinnverwirrendes Umhertollen ausartet.

Jedes deutſche Haus muß an einer ſtaubfreien Stelle irgend eine Vorrichtung zum Turnen haben, die täglich zu einfachen, kraftſtählenden Übungen benutzt werden kann, wobei jedoch zu bedenken iſt, daß ½ Stunde vor und 1 Stunde nach den Hauptmahlzeiten ſowie vor der Nacht⸗ ruhe größere Kraftanſtrengungen oft ſchädlich wirken und daß alle Wellenübungen am beſten ganz vermieden werden.