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Realſchule I. Ordnung zu Chemnitz. Oſtern 1883. Kudolf Alſcher verfaßte: Sir Thomas Wyatt und ſeine Stellung in der Entwicklungsgeſchichte der engliſchen Litteratur und Verskunſt. Wiener Beiträge. Wien 1886.
Beide Werke ſind für die folgende Abhandlung benutzt worden.
Wenn ich deſſenungeachtet eine Beſchäftigung mit den Werken dieſer Dichter nicht für überflüſſig gehalten habe, ſo bin ich dabei von dem Geſichtspunke ausgegangen, einmal im Zuſammenhange zu zeigen, was die engliſche Dichtkunſt dieſen beiden Männern verdankt, die ſtets zuſammen genannt, und die demnach ein gemeinſames dichteriſches Streben gehabt haben müſſen, und deren gleich⸗ wertige Stellung in der Entwicklungsgeſchichte der engliſchen Poeſie anerkannt wird. Und zwar werden wir dieſem Ziele auf die Weiſe am nächſten kommen, wenn wir zunächſt ihre Werke nach ihrem Inhalte und nach ihrem poetiſchen Gehalte prüfen, ſodann die Form, in der ihre Werke uns überliefert ſind, einer Unterſuchung unterziehen und drittens ihre zum Ausdruck ge⸗ kommene Sprache näher beleuchten; gleichzeitig werden, gewiſſermaßen von ſelbſt, bei jedem dieſer drei Teile die Hauptunterſchiede zwiſchen dieſen beiden Dichtern hervortreten.
Waren ihre dichteriſchen Beſtrebungen in vielen Beziehungen dieſelben, ſo zeigt ebenfalls ihr äußeres Leben merkwürdigerweiſe manche Ähnlichkeiten, wenn auch dem Leben des Grafen Surrey, des jüngeren der beiden Zeitgenoſſen, ein mehr romantiſcher Charakter anhaftet. Ich kann um ſo eher auf die ge⸗ nauere Darſtellung der Lebensgeſchichte dieſer beiden Männer verzichten, als eine ſolche in den vorher angegebenen beiden Werken von Fehſe und Alſcher in trefflicher Ausführung enthalten iſt. Nach⸗ ſtehendes möge genügen. Beide(Wyatt 1503, Surrey 1516), aus vornehmen Familien gebürtig, wurden vortrefflich erzogen. Sie erhielten nach der Sitte der Zeit eine humaniſtiſche Bildung; Lateiniſch, Griechiſch, Franzöſiſch, Italieniſch und wohl auch Spaniſch waren die Fächer, in denen ſie hauptſächlich unterrichtet wurden. Während Surrey ſeinen Unterricht durch Privatlehrer erhielt, vielleicht in Gemeinſchaft mit dem Herzog von Richmond, einem natürlichen Sohn Heinrichs VIII., ſtudierte Wyatt in Cambridge und erwarb an dieſer Univerſität 1520 die Würde eines Meiſters der freien Künſte. Frühzeitig wurden beide bei Hofe eingeführt und lernten dort die glänzende Hofhaltung Heinrichs VIII. kennen, deren Pracht und Eleganz mit der franzöſiſchen wettweiferte; in kurzer Zeit erwarben ſie ſich die beſondere Gunſt des Herrſchers. Im Jahre 1532 waren beide Dichter bei der Krönung der Anna Boleyn anweſend, wo ſie ein Hofamt zu verwalten hatten. Möglicherweiſe ſchreibt ſich von dieſem Zeitpunkte ihre gegenſeitige Freundſchaft her. War Surrey bei Hofe wegen ſeines Ranges, ſeiner ritterlichen Sitte und ſeiner litterariſchen Bildung gern ge⸗ ſehen, ſo empfahl ſich Wyatt durch ſeine ſchöne Geſtalt, ſein edles Weſen, ſeinen Witz, ſeinen ſcharfen Verſtand. Herangewachſen traten beide in den Staatsdienſt ein, und während Wyatt als Geſandter in mancher ſchwierigen und verantwortlichen Stellung ſeinem König und Vaterlande die größten Dienſte leiſtete, ſammelte ſein jüngerer Zeitgenoſſe Lorbeeren im Felde; denn Surrey war nicht minder Meiſter in der Kriegskunſt und jeder ritterlichen Ubung, wie in den Wiſſenſchaften und ſchönen Künſten; er war Sieger in Schottland und Frankreich, Sieger in jedem Turnier. Waren ſie von Geſchäften frei, ſo lebten beide, vielleicht in häufigem perſönlichen Verkehr, in ſtiller Zurückgezogenheit auf dem Lande und widmeten ſich, ohne Jagd und andere ländliche Sports zu vernachläſſigen, hauptſächlich der Pflege der Dichtkunſt. Die Gunſt, in der beide Dichter bei dem Tyrannen Heinrich VIII. ſtanden, war für ſie keine dauernde; Surrey wurde des Hoch⸗


