dir Thomas Wyatt und Henry Howard, Parl of Hurrey,
eine litteratur⸗ und ſprachgeſchichtliche Studie von Dr. Heinrich Nagel. I. Teil.
Das ſechzehnte Jahrhundert, und beſonders die Regierungszeit Heinrichs VIII., iſt für England das Zeitalter der Renaiſſance. Die Wiedererweckung der klaſſiſchen Studien, die, von Italien aus nach England gebracht, eine ſehr eingehende Pflege fanden, der beſſere Geſchmack, welcher durch die ausgedehnte Lektüre der Litteratur des Altertums erworben wurde, und endlich das Bekannt⸗ werden und die größere Vertrautheit mit der hochentwickelten und reichen italieniſchen Dichtung und Sprache mußte notwendigerweiſe einen Umſchwung der engliſchen Dichtkunſt in bezug auf Form und Inhalt hervorbringen. Schon früher einmal, ehe noch von einer Renaiſſance in England die Rede war, hatte die italieniſche Poeſie auf die engliſche eingewirkt. Chaucer hatte die Werke der italieniſchen Dichter, beſonders Dante, ſtudiert und war vielleicht perſönlich mit Petrarca und Boccaccio bekannt geweſen, ſicherlich aber war er ihr Bewunderer, ihr Nachahmer und Schüler. Und wie damals Chaucer im 14. Jahrhundert in ſeinen Werken das große Beiſpiel gegeben hatte, daß die nationale poetiſche Überlieferung und der Einfluß der höher ausgebildeten fremden Kunſt zuſammenwirken könnten und müßten, ſo ſtellte ſich bei Beginn des 16. Jahrhunderts für die dichteriſch geſinnten Hofleute Heinrichs VIII. die Nachahmung der italieniſchen Lyrik, namentlich der Petrercas, als eine bedeutungsvolle künſtleriſche Aufgabe dar.
Als die hervorragendſten poetiſchen Talente des neuen Stils, als die Schöpfer jener neuen Dichtungsart, als die erſten neuengliſchen Dichter überhaupt, werden Wyatt und Surrey angeſehen. Daß das Auftreten dieſer beiden Männer für die engliſche Dichtkunſt von außerordenticher Be⸗ deutung war, das erkennt ſchon Puttenham in ſeiner engliſchen Dichtkunſt an, wenn er dieſe bei⸗ den Dichter die erſten„Reformatoren des engliſchen Verſes und Stiles“ nennt. Und in der That waren die Darlegung der perſönlichen Empfindung, die Beherrſchung neuer künſtlicher Formen, die neue und ſorgfältige Durcharbeitung der Sprache, nach der Wyatt und Surrey ſtrebten, zuletzt ein Gewinn für die geſamte engliſche Dichtung.
In neueſter Zeit ſind dieſe beiden Dichter ſchon mehrfach Gegenſtand eingehender Studien geworden; ſo ſchrieb Fehſe eine Abhandlung: Henry Howard, Earl of Surrey. Ein Beitrag zur Geſchichte des Petrarchismus in England. Abhandlung zum Jahresbericht der ſtädtiſchen


