Aufsatz 
Zur Geschichte des Butzbacher höheren Schulwesens / A. Binzel
Entstehung
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die Oberſekunda mit Erfolg beſucht hatten, ohne weiteres in die Unter⸗Prima einer Oberrealſchule eintreten konnten.

Als Nachfolger Direktor Kargs übernahm im Jahre 1911 Direktor Dr. Schnell die Leitung der Anſtalt. Mit der Amtstätigkeit dieſes hervorragenden Mathematikers und Pä⸗ dagogen trat eine tiefgreifende Aenderung im Lehrplan der Anſtalt ein. Die Schule wurde gleich der Oberrealſchule Mainz in eine Reformſchule umgewandelt im Sinne der For⸗ derungen, die die Geſellſchaft deutſcher Naturforſcher und Aerzte auf ihrer Tagung in Meran im Jahre 1905 auf⸗ geſtellt hatte. Zweck der Umformung war eine ſtärkere Betonung der naturwiſſenſchaftlichen Fächer, insbeſondere der Phyſik und Biologie, die in dem allgemeinen heſſiſchen Lehr⸗ plane nach Anſicht der Reformer zu kurz gekommen waren. Die für die Verſtärkung des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts notwendige Stundenzahl konnte aber nur dadurch gewonnen werden, daß, wohl die einſchneidendſte Aenderung des Planes, mit dem Franzöſiſchen bereits in Sexta und mit dem Eng⸗ liſchen in Quarta begonnen ward. Der Meraner Lehrplan, der bis in die jüngſte Zeit unſerem Unterricht zu Grunde lag, hatte ſich zweifellos bewährt, und die Erfahrungen ſind wohl in den neuen Lehrplanentwürfen für die heſſiſchen höheren Schulen verwertet worden.

Direktor Dr. Schnell, dem die Schule für ihre Entwick⸗ lung viel verdankt, wurde ſchon nach dreijähriger Amtszeit abgerufen, um die Leitung der Oberrealſchule in Gießen zu übernehmen. An ſeine Stelle trat von Oſtern 1914 bis Juli 1919 Direktor Dr. Kalbfleiſch.

Ein neues, gewaltiges Erleben brach nun bald über unſere Schule herein. Der Weltkrieg war am 1. Auguſt 1914 ent⸗ brannt. Die beiſpielloſen Waffenerfolge und der ſpätere Zu⸗ ſammenbruch unſeres tapferen Heeres, ſtolze Freude und ſchwe⸗ res Leid bewegten das Leben auch unſerer Schule auf das tiefſte und machten ſie zum Spiegelbild der damaligen Ereig⸗ niſſe. Wir denken an die vielerlei Störungen, die den regel⸗ rechten Gang des Unterrichts zeitweiſe ſtark beeinträchtigten, wir denken an die opferwillige Tätigkeit der Schülerſchaft im Dienſte der Kriegsfürſorge und des Roten Kreuzes, wir denken auch hier an den ſchmerzlichen Verluſt von zwei hochverdienten Lehrern und 91 ehemaligen Schülern unſerer Anſtalt, denen die Schule allezeit ein treues Andenken bewah⸗ ren wird und denen ſie zum Ausdruck deſſen im Jahre 1920 den Gedenkſtein im Hofe des Schulgebäudes errichtete.

Die innere Entwicklung der Schule nahm jedoch trotz aller Erſchütterungen durch den Krieg einen gedeihlichen Fortgang. Als Neuſprachler wandte Direktor Dr. Kalb⸗ fleiſch ſeine beſondere Aufmerkſamkeit der Vertiefung des

ſprachlichen Unterrichts zu, aber auch die naturwiſſenſchaftlichen

Fächer, die durch Einrichtung des biologiſchen Inſtitutes ſowie der phyſikaliſchen und chemiſchen Schülerübungen in gleicher Front ausgebaut waren, fanden in ihm einen eifrigen Förderer.

In der Amtszeit Direktor Dr. Kalbfleiſch's erlitt die Schule den ſchweren Verluſt eines Mannes, der ſich im Dienſt um die Jugend ein bleibendes Denkmal geſetzt hat, Albert Wamſer. Faſt 27 Jahre hatte Profeſſor Wamſer an

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unſerer Anſtalt gewirkt und es vor allem verſtanden, in ſeinen Schülern die Freude an körperlichen Uebungen jeder Art zu wecken. Seine Verdienſte um die Ertüchtigung der Jugend, die deutſche Turnerſchaft, vor allem aber um das Turnweſen unſerer Stadt, ſind gelegentlich der 80jährigen Jubiläums⸗ feier des hieſigen Turnvereins in glänzender Weiſe gewürdigt worden; ſein Name wird auch mit der Geſchichte unſerer Schule für immer unlösbar verbunden ſein.

Nach nur einjähriger, aber glücklicher Amtstätigkeit Direk⸗ tor Reuter übernahm Oſtern 1920 der derzeitige Direktor die weitere Leitung der Anſtalt.

Eine neue Zeit, die manchen alten Wert umgewertet hatte, war mittlerweile herangekommen, neue Ideen und Anſchauungen begehrten Einlaß und rangen ſtürmiſch nach Geſtaltung. Der Widerſtreit der Meinungen ging auch an unſerer Anſtalt nicht vorüber, aber nie wurde das eine große Ziel aus dem Auge verloren: Wohl und Gedeihen unſerer Schule. Die wichtige Frage, die zur Entſcheidung drängte, war die weitere Ausgeſtaltung der Anſtalt. Im Laufe des Schuljahres 1923⸗24 war der Beſtand der Schule auf die ſeither noch nicht erreichte Höhe von 263 Schülern geſtiegen, er hatte ſich damit ſeit 1916 alſo innerhalb ſieben Jahren nahezu verdoppelt. Dieſe ungewöhnlich raſche Entwicklung, die mit der wachſenden Bedeutung der Stadt Butzbach als Induſtrieort Hand in Hand ging, hatte ſchon ſeit längerem das Bedürfnis gezeitigt, die Realſchule auszubauen, ſie zum mindeſten durch Wiedererrichtung einer Oberſekunda auf den Stand zu bringen, den ſie bis zum Jahre 1911 bereits gehabt hatte. Trotz der damaligen ſchwierigen Finanz⸗ lage erklärte ſich die Stadt Butzbach in verſtändnisvoller Würdigung ihrer kulturellen Aufgaben bereit, die Koſten für die zunächſt aufzuſetzende Oberſekunda zu übernehmen, womit ihrer Einrichtung praktiſch nichts mehr im Wege ſtand. Sie wurde durch Verfügung vom 27. März 1923 auch von der oberſten Schulbehörde genehmigt, und damit der weiteren Entwicklung der Anſtalt der Weg geebnet, denn Schule und Stadt waren ſich darin einig, daß der völlige Ausbau der An⸗ ſtalt zur Oberrealſchule als letztes Ziel erſtrebt werden müſſe. Mit dem Ende des Schuljahres 1923 mußte daher die Frage des weiteren Schickſals der Anſtalt entſchieden werden. Eine zahlreich beſuchte Elternverſammlung forderte einſtimmig den Ausbau, nachdem der Direktor ſowie der Vorſitzende der Elternvereinigung, Herr Stadtverordneter Joutz, die Ver⸗ hältniſſe eingehend dargelegt hatten, und ſicherte im Verein mit anderen privaten Kreiſen und Freunden der Schule, vor allem aber der Meguin A.⸗G., die unſere Anſtalt ſchon immer in wohlwollender und großzügiger Weiſe unterſtützt hatte, dauernde Zuſchüſſe zu den durch den Ausbau entſtehen⸗ den Koſten zu. Dank dieſer Opferwilligkeit konnte die Stadt den entſcheidenden Entſchluß faſſen, die übrigen Koſten für den völligen Ausbau zur Oberrealſchule zu bewilligen und den entſprechenden Antrag bei der oberſten Schulbehörde ein⸗ zubringen. Im Intereſſe der Stadt Butzbach und ihres Schulweſens durfte man hoffen und wünſchen, daß die maß⸗ gebenden Stellen ſich den berechtigten Forderungen der Stadt und der Elternſchaft nicht verſchließen würden. Dieſe Hoffnungen erwieſen ſich nicht als trügeriſch. Durch Beſchluß