1. Die vorgeschichtlichen Bewohner des Nassauer Landes.
Die ältesten Spuren von menschlichen Bewohnern in unserem Lande hat man bis jetzt in dem Dorfe Steeten, in der Nähe von Runkel a. L. gefunden. Dort hat der um die Erforschung der geschichtlichen Altertümer unseres Landes hochverdiente † Oberst v. Cohausen im Jahre 1874 in den Wänden von Kalkfelsen Höhlen ausgegraben, die sich bei näherer Untersuchung als Wohnstätten vorgeschichtlicher Menschen aus der Eiszeit erwiesen, in der noch Mammute, Rhinocerosse und Höhlenbären die Gegend unsicher machten.
Von den ersten Bewohnern dieser Höhlen selbst sind uns zwar keinerlei Uberreste mehr erhalten. Wir können auf ihr einstiges Dasein nur aus einer Reihe von Werkzeugen aus Stein und Knochen schliessen, die wissenschaftlich zur älteren Steinzeit gehören. Aber gerade diese zeigen uns zur Geuüge, dass wir es bereits mit richtigen, ‚„mit Vernunft und allen Sinnen’ begabten Menschen zu tun haben. Sie verstanden es, sich die harten Feuersteine zu mannigfachem Gebrauch künstlich zurechtzuschlagen, Pfriemen und. ähnliche Dinge anzufertigen, das noch frische Elfenbein zu verschiedenartigen Gegen- ständen zu verarbeiten und zu verzieren. Besonders fällt unter den Fundstücken der untersten Schicht einer Höhle ein breites dolchartiges Instrument aus dem Schienbein eines Mammuts auf, ein Unikum in seiner Art. Zwischen all diesen gefundenen Gegenständen zeigte sich in den Höhlen eine Reihe von Feuerstellen, an denen jene Troglodyten sich ihre Mahlzeiten bereitet haben. Von Töpfen aber fand sich in der untersten Erdschicht keine Spur. Deshalb dürfen wir freilich von den geistigen Fähigkeiten jener Eiszeitmenschen noch lange nicht gering denken. Das haben erst neuerdings wieder die vielleicht noch einer älteren Zeit angehörenden Zeichnungen und Wandmalereien in den beiden großen Felsenhöhlen zu Combarelles in Südfrankreich gezeigt. ‚Sie stellen mit bewunderungswürdiger Ge- nauigkeit wiedergegebene Tiere von meist längst ausgestorbenen Arten dar und stammen aus einer Zeit, als sich erst allmählich die britischen Inseln von Ruropa loslösten. Un- gezählte Jahrhunderte mögen noch verstrichen sein seit der Schaffung jener Gemälde bis zur ersten Entfaltung der altägyptischen oder altbabylonischen Kultur. Und doch sind die Farben jener Wandmalereien noch frisch und ihre geistvollen Linien zeigen uns lebhafte Bilder des Lebens, wie es in jenen Zeiten war“.
In der nächsten Erdschicht der Steetener Höhlen zeigten sich zahlreiche, besser als irgendwo sonst erhaltene UÜberreste von Menschenknochen, namentlich Schädel und dabei meist zierliche Töpfereien. ‚Diese Leute gehörten einer um vieles späteren Be- völkerung an als diejenigen, welche sich mit den Tieren der Eiszeit herumgeschlagen, und zwar, wie ihre bereits hochentwickelte Keramik beweist, der neolithischen Zeit, der Zeit der geschliffenen Steinwaffen“ Von dem geistigen Leben dieser ältesten Bewohner unseres Landes, deren Gebeine noch unter uns sind, wissen wir im übrigen kaum


