Aufsatz 
Das zweite Buch und die erste Hälfte des vierten Buches der Georgika von P. Vergilius Maro
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

Nach ſolchen Zeichen, tief verſunken

In Staunen, hat man längſt geſchloſſen, Daß reinſten Äthers Geiſtesfunken

Sich in das Bienenvolk ergoſſen.

Die Gottheit, heißt es, mach' die Runde Von Welt zu Welt, von Stern zu Sterne, Sie ſei im tiefſten Meeresgrunde

Und in des Himmels weitſter Ferne,

Und was durchs Reich der Lüfte ſchweife Und was durch Feld und Wälder ſtreife, Kurz, was hienieden wohn' und weile, Empfang' Beſeligung von dort,

Und, wenn entfeſſelt hier, ſo eile

Es lebend nach der Urheimat ſofort,

Dem reinſten Äther, wo, befreit

Von allem, was der Sterblichkeit

Anteil, aus grenzenloſer Ferne

Ein Stern es glänz' im Chor der Sterne.

Willſt du im Bienenhaus, dem engen, Den Honig nehmen aus den Speichern, Verſäume nicht, vorher zu ſprengen, Verſäume nicht, vorher zu räuchern. Zweimal giebt's reichlichen Ertrag,

Und zweimal blüht der Ernte Tag, Wenn ſichtbar wird zum erſtenmal Taygete mit mildem Strahl,

Enteilend mit beſchwingtem Fuß

Dem Bade des Oceanus,

Dann, wenn ſie von dem Himmelsbogen Taucht in die winterlichen Wogen.

Wenn auch die Tierchen winzig bloß, Iſt ihre Wut doch grenzenlos,

Wenn du ſie reizeſt, und es ſprüht

Ihr Biß dir Gift in das Geblüt;

Es ſchwillt die Stell' im Augenblick, Und in der Wunde bleibt zurück

Der Stachel und mit ihm ihr Leben. Geht auf Erſparungen dein Streben, Willſt du den Stock vor den Gefahren, Die Winterkälte bringt, bewahren, Willſt du des Volkes Mut nicht brechen Und nicht des Staates Wohlſtand ſchwächen: Du darfſt darum doch nicht vermeiden, Die leeren Zellen wegzuſchneiden,

Auch wird es ſein ganz wohlgethan,

Zu räuchern oft mit Thymian.

Denn heimlich nagt oft an der Wabe Die Eidechſ, und es baut die Schabe, Die ſcheut das Licht, darin ihr Neſt; Die faule Drohne naht und läßt

Das fremde Mahl ſich herrlich ſchmecken. Die Motte ſitzt in allen Ecken,

Auch die Horniſſ', ungleich an Waffen, Dringt ein und macht oft viel zu ſchaffen, Die Spinne fehlt nicht, ſie verhängt Den Eingang mit den lockern Netzen. Doch wie das Völkchen ſchwer bedrängt, Stets ſucht's Verlor'nes zu erſetzen, Bemüht, daß ſich die Blumenſpeicher Mit Schätzen füllen immer reicher.

Wenn Seuchen in dem Stock entſtehn Denn wie die Menſchen, ſo bedroht

Die Bienen Krankheit und der Tod, Nicht lange wird es dir entgehn; Verändert iſt die Farb' alsbald,

Es ſchrumpft zuſammen die Geſtalt,

Die Leichen ſchafft man auf der Stelle Hinaus; da giebt's Beerdigungen!

Da hängen ſie an Thür und Schwelle Mit ihren Beinen eng verſchlungen, Wenn ſie im Innern nicht verharren Und träg' vor Kält' und Hunger ſtarren. Dann hört man oft ein tiefes Brummen, Ein ſchleppend⸗langgedehntes Summen: Wie wenn der Siüd, kalt, hohl und ſchwer Von Näſſe, rauſcht durch Wälder her; Wie Wogen, die mit dumpfem Schallen Vom Ufer brandend rückwärts prallen; Wie Feuer, welches, wie erboſt,

Im Ofen ziſcht und heult und toſt. Wenn ſie ſo totkrank, eh's zu ſpät,

Thu, was der Bienenvater rät: Verbrenne Galban und verbreite

Den Duft umher, in Röhrchen leite

Des Honigs Nectar in das Haus;

Dann lade ſelbſt ſie in Perſon

Mit Freundlichkeit in Mien' und Ton Zu dem ſo wohlbekannten Schmaus.