Aufsatz 
Eine naturgeschichtliche Abhandlung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Naturkörper ein Mineral ſei oder nicht, obwohl z. B. die Gattung Millepora(Punktkoralle), welche Ehrenberg und Lamark zu den Polypen, Rapp und Philipe zu den Pflanzen zählen, von Lint und Blainville als eine Anhäufung kohlenſauren Kalks den Foſſilien beigerechnet wird.)

Ein Mineral iſt leblos, d. i. es verändert ſich nicht in Form und Zuſammenſetzung durch eigene Kraft, bedarf dieſer Veränderung wenigſtens nicht zur Erhaltung ſeiner Indivi⸗ dualität, während ein organiſcher Körper lebt, d. i. in ſteter Veränderung begriffen iſt und ohne dieſelbe nicht exiſtiren kann. Die Mineralindividuen kryſtalle oder 4 ſolchen zuſammen⸗ geſetzt) entſtehen zwar auch, wie die organiſchen Körper, durch einen der Materie innewohnenden Bildungstrieb; aber abgeſehen von der faſt allgemein verneinten Frage, ob die bei jenen thä⸗ tigen phyſikaliſchen und chemiſchen Kräfte von der in den Organismen wirkenden ſogen. Lebens⸗ kraft weſentlich verſchieden ſeien,) findet ſich doch ein weſentlicher Unterſchied bei der Ge⸗ ſtaltung der Naturkörper, auf dem alle andern, an den erligen Formen wahrnehmbaren beruhen. Jeder Naturkörper bildet ſich nämlich aus einer Flüſſigkeit, Mutterlauge genannt. Die Mineralien ſchließen dieſelbe nach ihrer Bildung aus; es giebt alſo keine Differenz und ſomit keine Wechſelwirkung zwiſchen Innerem und Aeußerem; die bildende Kraft bleibt hier ein Aeußeres, von allen Seiten Wirkendes, ſomit iſt die gebogene Fläche ausgeſchloſſen. Die Kryſtalle ſind daher durchaus gleichartig und von gradlinigen Ebenen unter beſtimmten Winkeln begrenzt. Die organiſchen Geſtalten hingegen(Zellen oder aus ſolchen beſtehend) ſchließen die Mutterlauge ein; es findet eine ſtete Wechſelwirkung zwiſchen der Zelle, der in ihr enthal⸗ tenen Flüſſigkeit, den aus dieſer innerlich neu gebildeten Zellen, der Lauwtriinee und den äußern phyſikaliſchen Kräften Statt, die wir Leben nennen. Die ganze Bi dung bezieht ſich auf ein Inneres, auf einen Punkt, der nach allen Seiten gleichförmig einwirkt; daher die ge⸗ bogene Fläche.³) Andre, früher angeführte Unterſchiede, z. B. nach der Art der chemiſchen

.Wiegmann's Archiv f. d. Naturw. 1837. I. p. 887.Die Kalkkorallen ſind mit einer thie⸗ Te detſenn Lburzopen, aber da hat an ihnen nie Polypen oder Polypenzellen geſehn. Viele von ihnen könnte man, ihrer Form nach, für anorganiſche Kalkconglomerate halten; aber nach neueren Beob⸗ achtungen ſollen ſie verkalkte Pflanzen ſein.(Gravenhorſt's Vergl. Zoologie, Bresl. 1842, p. 12.)

2) So ſagt z. B. Schleiden(Grundzüge einer wiſſenſch. Botan., Leipzig 4850, I. p. 57):Es iſt Sache der Naturwiſſenſchaft, nachzuweiſen, daß die Annahme einer Lebenskraft, als einer von den phyſikaliſchen Kräften qualitativ und urſprünglich verſchiedenen, als einer den Organismen eignen Grundkraft, ein Unding ſei. Aehnlich Liebig in ſeiner Schrift: Die organ. Chemie in Anwendung auf Agric. u. Phyſiol. d. Gewächſe, Braunſchweig 1841, u. A. Daß übrigens aus der Verneinung einer beſondern Lebenskraft noch nicht die der Selbſtſtändigkeit der thieriſchen Seele oder gar des menſchlichen Geiſtes u. ſ. w. folgt, wie Manche wollen, dafür führe ich außer Schleiden ſelbſt, der z. B.(a. a. O. P. 37) ſagt:Ueber alle dem beſchränkten Standpunkte angehörigen natürlichen Weltanſichten erheben wir im Glauben die Welt der freien Ge iſter, auch Bergmann u. Leuckart an. Es heißt(Vergl. Anat. u. Phyſiol., Stuttgart 1852) z. B. bei ihnen (p. ²):Wir überlaſſen uns alſo der Ausſicht, einſt alle Umſetzungen der Elemente in den Organismen als rein chemiſchen Prozeß zu begreifen; dagegen(p. 533):Die Seele, ein immaterielles Ding, iſt jedem Punkte des räumlich entwickelten Organismus gleich nahe; und(p. 20):Der Menſch iſt ein vorneh⸗ merer Zweck der Natur, als das Thier, abgeſehen von dem einer Berechnung unzugänglichen giei ſtigen Vor⸗ range(der unſterblichen Seele). 3 1

3) M. v. Schleiden, Grundzüge u. ſ. w. I. p. 53 flgde. Reichert hat in neueſter Zeit gefunden, daß auch Eiweißſtoffe, doch mit gebogenen Flächen, kryſtalliſiren.(M. v. Focke's Atlas zu Lehmann's phyſiol.