Thukydides zeichnet die Dispoſition genau und ausführlich und ſchildert mit auffallendem Intereſſe das künſtleriſche Talent und die tiefe Einſicht des Braſidas gegenüber dem Ungeſchick des Kleon. Die Bitterkeit und wegwerfende Weiſe, womit der große Geſchichtsſchreiber, im Ver⸗ hältniß zu ſeiner ſonſtigen Mäßigung im Ausdrucke, über ſeinen politiſchen Gegner ſpricht, iſt überraſchend, und man wird doch wol mit einiger Behutſamkeit auch dieſe Nachrichten aufneh⸗ men müſſen. Thukydides, ein Verwandter des vertriebenen Fürſtengeſchlechts der Piſiſtratiden, alſo kein ſonderlicher Freund der Volksherrſchaft, dazu entſchiedener Anhänger der Friedenspar⸗ tei, hatte ſich perſönlich über das attiſche Volk und deſſen Führer zu beklagen, welcher ihn we⸗ gen der unglücklichen Strategie 423 angeklagt und ſeine Verbannung bewirkt hatte. Wenn es aber überhaupt ſchwer wird, in Zeiten, wo das öffentliche Leben der Tummelplatz des Parteihaſſes und niedriger Leidenſchaften iſt, die Prinzipien und Beſtrebungen des Gegners, den man ver⸗ dammt, zu würdigen: ſo mußte es dem ariſtokratiſch geſinnten, der Friedenspartei angehörigen, zudem aus ſeinem Vaterlande verbannten Thukydides ſchwer werden, ſeinen politiſchen Feind und Ankläger richtig zu würdigen. Und woher hatte Thukydides, da er nicht ſelbſt Augenzeuge war, alle die Einzelnheiten und die ſchnell vorübergehenden Momente, in denen Kleon eine ſo erbärmliche Rolle ſpielt, und die ſo leicht entſtellt werden konnten? Von den Spartanern, die an der Schlacht von Amphipolis Theil nahmen? O dieſe haßten den glorreichen Sieger von Pylos, den Quäler der Gefangenen, den Verweigerer des Friedens aufs Bitterſte. Oder von den Athenern, mit denen Tukydides in nahem Verkehre ſtand? Dieſe verabſcheuten Kleon, den mächtigen Volksführer, den gefährlichen Ankläger, den ſteten Spürer geheimer Verbindungen, den Anſchürer des den Reichen widerwärtigen und ſo koſtſpieligen Krieges.
Und dennoch berufen ſich alle ſpäteren Hiſtoriker bei ihren Anklagen, Schmähungen und Verwünſchungen Kleons auf Thukydides und die Komödie des Ariſtophanes und verfolgen ſeine politiſche Thätigkeit, ohne das Faktiſche, was über dieſen Mann überliefert wird, einer nochma⸗ ligen Prüfung zu unterwerfen und ohne zu beachten, daß das ſtreng demokratiſche Prinzip Athens und ſein Streben nach Oberherrſchaft den Krieg unvermeidlich machten. Von jenem Prinzipe aber, ſo wie von dieſem Streben war das attiſche Volk weder durch Ueberredung noch durch Gewalt abzubringen. Die Flammen ungemäßigter Volkswillkür, wie ſie Perikles angefacht hatte, konnten nicht mehr gelöſcht werden; ſie mußten, ſich ſelbſt hingegeben, ausbrennen und Kohlen und Aſche hinterlaſſen. Kleons Privatcharakter, wie ihn beſonders Ariſtophanes darſtellt, von allen Schwächen und Gebrechen, Fehltritten und Irrthümern zu reinigen, möchte ſchwer werden, obwohl auch hierin gewiß Vieles übertrieben iſt.„Es iſt“ ſagt Droyſen¹),„im politi⸗ ſchen Parteikampfe übliche und ſtets erfolgreiche Strategie, dem Gegner durch Verleumdung ſeines Privatcharakters, durch Lächerlichkeiten und Erbärmlichkeiten die Achtung des Volkes zu entziehen, das ſtets mehr dem Geklätſch, als der That und Wahrheit glaubt.“
1) Ib. V. 6— 10. 2) Ariſtophanes Werke Th. I. S. 300


