Aufsatz 
Einfluß Kleon's auf die Politik Athens
Entstehung
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Einfluß Kleon's auf die Politik Athen's.

Die geſchichtliche Darſtellung der atheniſchen Volksführung iſt ein höchſt weſentlicher Theil je⸗ der vollſtändigen Geſchichte des Staats⸗ und Bürgerlebens. Sie führt uns vor alle Stufen ge⸗ ſetzlicher und ungeſetzlicher Volksfreiheit und Selbſtſtändigkeit vom glücklichſten Gleichmaß aller bewegten Kräfte an bis zur zügelloſeſten Uebergewalt des großen Haufens. Sie ſtellt uns neben manchem edlen Volksführer eine raſtlos ſtrebende eben ſo furchtbare als verabſcheuungswerthe Kette von Volksverführern hin; ſie zeigt, an welchen Abgrund demokratiſcher Götzendienſt führe, und überliefert der Folgezeit die lehrreichſten Erfahrungen über Wünſche, Hoffnungen und Be⸗ ſtrebungen. ¹)

Nach dem Sturze der älteſten Regierungsform Athens(1068), wie überhaupt Griechen⸗ lands, der erblichen Monarchie, ²) nahm die oberſte Gewalt mit Einführung der neun, jährlich wechſelnden Archonten(684) ſtatt des monarchiſchen den Charakter der reinen, entſchiedenen Ari⸗ ſtokratie an. Das Volk war der ungezügelten Willkür der alten bevorrechteten Geſchlechter hin⸗ gegeben, denn noch ſchränkten keine feſten Geſetze deren Anmaßungen ein, und ſeufzete zum größten Theil unter dem Drucke der Armuth. Doch ein ſolcher Zuſtand mußte nothwendig ein Ende nehmen, ſobald der Demos der Stärkere ward, oder vielmehr ſobald er zum Bewußtſein ſeiner Stärke gelangte, die in ihm als der überwiegenden Anzahl lag. Die Unfruchtbarkeit des attiſchen Bodens und ſeine glückliche Lage reizte bald zur Induſtrie, zu Handel und Schifffahrt. ²) Der brodloſe Haufe ſtrömte in Athen, dem Mittelpunkte alles Verkehres zuſammen, ⁵³) und es trat die öffentliche Stimme des rechtloſen Haufens gegen ſelbſtſüchtige Anmaßungen, gegen Treu⸗ loſigkeit, Willkür und Härte der Eupatriden auf, es ſtellte ſich der bewegliche Beſitz dem Grund⸗

1) Der berühmte Geſchichtsforſcher und Staatsmann Guizot ſtellt in einer beachtenswerthen SchriftDe la démocratie en France, in klarer Weiſe, die Uebel unſrer Zeit dar und entwickelt ſie mit tiefem Blick nach ihrem innern Zuſammenhang. Wenn er dabei auch zunächſt nur ſein Vaterland im Auge hat: ſo finden doch alle Theile von Guizot's glänzender Darlegung auch die unmittelbarſte, ſchlagendſte Anwendung auf unſre eig⸗ nen Verhältniſſe.

2) Thuc. I. 13. Aristot. polit. III. 9. 7. 3) Thuc. I. 126 und Plut. Sol. 12. 4) Plut. Them. 19. Thuc. I. 103. V. 53 und 82. VIII. 73. 5) Thuc. I. 2. Aristot. pol. VI. 2. 7. 1