Aufsatz 
Das Turnen in Neisse
Entstehung
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Das Snrnen in Meiſſe.

Gefund und friſch ſein, iſt beſſer, als Gold, und ein gefunder Leib iſt beſſer, denn großes Gut. Es iſt kein Reichthum zu veygleichen einem geſunden Leibe. Sirach XXX, 15.

I. Geſchichte der hieſigen Turn⸗Anſtalt.

E⸗ war im Juni des Jahres 1839, als durch die Bemühungen des Herrn Direktor Petzeld das Turnen am hieſigen Orte in's Leben trat. Wie jedoch alles Neue, theils aus Unkenntniß der Sache, theils aus natürlicher Trägheit, und theils endlich aus altgewordener Liebe zum Zopfthum mit einem gewiſſen Mistrauen betrachtet wird und ſich zuweilen ſelbſt dann, wenn es aufgehört, neu zu ſein, keine allgemein günſtige Aufnahme zu erringen vermag: ſo ging es auch hier mit dem Turnen der Knaben, und ſo geht es noch heut mit dem Mäd⸗ chenturnen, und jene Auſſerung eines frommen Schulmeiſters in der Danziger Gegend über das Turnen ²¹):Gott bewahre! Das iſt Teufelswerk! Da lernen die Jungen auf des Nach⸗ bars Apfelbäume ſteigen! fand und findet auch in unſerer Gegend mitunter noch ihr ge⸗ treues Echo und hat es dann nicht immer blos mit der Angſt um Apfel zu thun.

Indeß das Gute bricht ſich Bahn trotz aller Hinderniſſe, und obgleich das Turnen erſt im Jahre 1844 auf Anordnung des Hohen Cultus⸗Miniſterii als integrirender Theil des Unter⸗ richts und als nothwendige Ergänzung der geſammten Jugendbildung in Neiſſe öffentlich ein⸗ geführt wurde: ſo turnten doch in der hieſigen Privat⸗Turn⸗Anſtalt vor jener ſtaatlichen Sanktion während des Sommers durchſchnittlich 50 Realſchüler und 70 Gymnaſiaſten, und während der Winter⸗Monate 40 Realſchüler und 50 Gymnaſiaſten. Auſſerdem beſuchten vom Auguſt des Jahres 1839 bis zum Auguſt 1845 etwa 44 Mädchen und 70 Elementar⸗Schuler, ſennis dr Jahre hindurch 24 Knaben des hieſigen Ober⸗Hospitals und des Knaben⸗Inſtituts

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Und was das Turnen der Erwachſenen betrifft: ſo kam es nur einmal vor, daß einige Winter⸗Monate hindurch fünf Damen Turn⸗Unterricht empfingen, waͤhrend ſeit dem Jahre 1839 jeden Winter durchſchnittlich acht Herren mit lobenswerther Ausdauer und dem günſtigſten Erfolge für Bruſt und Unterleib das Turnen betrieben haben. Unter jenen Herren befanden ſich Beamtete, Geiſtliche, Lehrer, Officiere und Kaufleute. Seit drei Jahren turnen während des Sommers wiederum einige Mädchen.

Leider haben wir in Neiſſe ein ſehr ſchlechtes Winter⸗Turnlokal, deſſen einziger, bei häſſlichem Wetter allerdings gar nicht zu verachtender, Vorzug in ſeiner großen Näbe an

²) S. Euler's deutſche Turnkunſt, pag. 45.