Aufsatz 
Der Rechneigraben in den städtischen Anlagen zu Frankfurt a.M. in botanischer Beziehung
Entstehung
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auf dem Stadtwalle und auf dem Glacis. Das Alles waren freilich nur unbedeutende Anfänge im Vergleiche mit unseren jetzigen herrlichen Anlagen, welche im Grossen und Ganzen in den Jahren 1806 bis 1813 durch den aus Aschaffenburg hierher berufenen, höchst begabten und tüchtigen Kunstgärtner Rinz angelegt wurden. Wo früher Gräben, Mauern und Weiden- wucherungen sich hinzogen, sehen wir heute die friedlichen Vertreter aller Welttheile, die mannigfaltigsten Bäume, sich zu einer schönen Anlage vereinigen, in deren Schatten Jung und Alt geistige und körperliche Erfrischung sucht und findet. Bäume und Sträucher prägen vornehmlich der Landschaft ihren Character auf, und da der Mensch ein Product seiner Um- gebung ist, wozu auch Thiere und Pflanzen gehören, so dürfen wir den wohlthätigen Einfluss der die Stadt in einem breiten Gürtel umgebenden Anlagen auf Frankfurts Bewohner in mehr als sanitärer Hinsicht durchaus nicht unterschätzen.

Einer der schönsten Punkte in den Anlagen ist unstreitig der Rechneigraben und in Rücksicht hierauf wünschte wohl auch Guiolett an diesem Orte seiner Schöpfung bestattet zu werden.

Der Rechneigraben umfasst einen Flächenraum von circa 5800 OMeter. Seine grösste Längenausdehnung, von Südwesten nach Nordosten, beträgt 163 Meter und der grösste Breite- durchmesser senkrecht zur Längsrichtung 67 Meter. Seine Tiefe geht bis 3 ½ Meter. Das Wasser ruht auf dem blauen Letten, Curbiculathon, einer für Wasser undurchlässigen Schicht, welche im Allgemeinen die Unterlage für Frankfurts Grundwasser bildet.2 Der Rechneigraben wurde früher vom Metzgerbruche und durch einen Zufluss aus dem Bethmann'schen Weiher gespeist. Ihm wurde, bevor der Stadtgraben ausser Benutzung gesetzt war, was nach Ein- führung der allgemeinen Canalisation erfolgte, durch diesen ziemlich viel unreines Wasser zu- geführt. Die Mündung des Metzgerbruchs befand sich auf der Südostseite und ist heute noch zu sehen; jetzt ergiesst sich derselbe oberhalb der englischen Gasfabrik direct in den Main. Der Rechneigraben diente früher als Reservoir, mit welchem Namen ihn auch Kirchner be- zeichnet, um die Canäle(Antauchen), welche die Stadt durchzogen, mit Wasser zu versorgen; nur wenn diese gereinigt wurden, liess man das Wasser südwärts durch einen Canal unter dem Hospital z. h. G. hindurch in den Main fliessen. Dieser Canal besteht noch; er wird benutzt, wenn alles Wasser des Weihers abgelassen werden soll. Gewöhnlich bleibt er ver- schlossen und das abfliessende Wasser bespült die neuen Canäle. Nunmehr erhält der Rechnei- graben sein Wasser wie früher aus dem Bethmann'schen Weiher, aber, bis auf eine kurze Strecke, durch eine Röhrenleitung, welche auch die Quelle von dem ehemaligen Ravenstein'schen Grund- stücke, dem jetzigen Zeildurchbruche, aufnimmt. Dem Bedauern Kirchner's,dass der Wasserspiegel selbst sein Dasein so wenig durch eigene Bewegung verräth, ist nicht durch einenkleinen rauschenden Fall Rechnung getragen worden; wohl aber durch einen imposanten von der neuen Wasserleitung genährten Springbrunnen, der ihndem Ohre bemerklich und so dem Auge reizender macht.4B Das Wasser ist daher jetzt viel reiner als früher. Das Laichkraut, Potamogeton crispus L., und das Tausendblatt, Myriophyllum spicatum L., welche seit Eröffnung des Springbrunnens in dem Wasser wuchern, mögen durch Samen aus dem Vogelsberg vermittelst des Wassers dahin getragen

¹ Kriegk, Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände des Mittelalters, u. Battonn, Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt a. M. 2²² Die Bodenschichten Frankfurts von oben nach unten sind: Diluvialsand, Curbi- culathon(blauer Letten), Cerithiensand, Cyrenenmergel. ³ Der alte Canal am Rechneigraben wurde im Sommer 1878 zugeworfen. 4 Kirchner, Ansichten von Frankfurt I. 21.