Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des hundertjährigen Bestehens der Anstalt
Entstehung
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Heute sind die Ideale, die Goethe nach dem Wunsch der Rheinländer verwirklichen helfen sollte, alle erfüllt: in stolzer Vollendung prangt der Dom, aus den bescheidenen Privatsammlungen kölnischer Kunst- freunde ist das reiche Museum geworden, das nach dem Namen seiner zwei Hauptstifter(Wallraf und Richartz) genannt ist, in Düsseldorf biüht ein frisches Kunstleben, die römischen Altertümer sind fachmännischer Obhut übergeben, ein rbeinischer Kunstverein ist längst begründet. Auch noch andere Wünsche, die Goethe in jener Ueberschau äussert, könnte er heute er- füllt sehen: Mainz ist ein militärischer Zentralpunkt ge- worden und eine Schule für den Krieg, die Schlösser in Brühl und Benrath sind königliche Residenzen, und die von Goethe in denWanderjahren geträumte pädagogische Provinz ist in dem lieblichen Godesberg Wirklichkeit ge- worden. Seine Beziehungen zum Rhein aber fanden noch im Jahre 1825 einen anmutigen Nachklang, als der Dichter die Einladung der Kölner, dem erneuerten Karneval mit seiner Gegenwart den höchsten Glanz zu geben, mit jenen launigen Versen erwiderte, die ihrem tollen Streben gerne seine Berechtigung zusprechen,wenn es kurz sei und mit Sinn. Tiefe Eindrücke hatte der Dichter von dem heimischen Strome mitgenommen, und ihren höchsten Ausdruck fanden sie im zweiten Teil des Faust, wo klassische Schönheit mit deutscher Romantik sich vermählt.