Aufsatz 
Von Landstreichern, friedlosen Leuten und fahrendem Volk, besonders in den nassau-ottonischen Ländern von 1500 bis 1800 : Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Nassaus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

unter Hinweis aufHans Wurſt undJean Potage in Verbindung mit einem Sliwowitzer genannten Zwetſchenbranntwein(sliwa= Schlehe, Zwetſche) und ſagt, daß Schlawitzer urſprünglich der Spott⸗ name des wohlhabenden Rödelheimer Juden Salomon Hirſch war, der von 1833 bis 1863 in dem Strich zwiſchen Darmſtadt und Ziegenhain mit billigen und ſchlechten Waren handelte. Auch Kehrein gibt ähnliches an. Ich bin in der Lage, dafür noch einen weiteren Beleg zu bringen. In denLebenserinnerungen des verſtorbenen Arztes Dr. Wilhelm Jakobi, die im Beſitz des Hanauer Geſchichtsvereins ſind, heißt es näm⸗ lich S. 161 ff.:Ahnliche Originale gab es damals in Marburg(1852 bis 1854) unter den Perſönlichkeiten, die in ſtetem Verkehr mit dem Stu⸗ dentenvolk lebten, noch manche. Hier ſei noch eines ſolchen gedacht, der allerdings kein Marburger, ſondern ein jüdiſcher Hauſierer aus Rödel⸗ heim, unter dem NamenSchlawitzer im Heſſenland überall bekannt und gern geſehen war. Er ging ſtets im Frack und Cylinder. Dabei bil⸗ dete ſeine Kleidung ein wahres Labyrinth von rieſigen Taſchen, aus denen er ſeine Ware, Taſchenmeſſer, Uhrketten, Geld⸗ und Cigarren⸗ taſchen, unechte Merſchaumköpfe und ähnlichen Kurzkram in unerſchöpf⸗ licher Menge hervorholte; was dort nicht mehr Platz fand, war im Hut untergebracht. Mit den wunderlichſten Reden und unter fortwährendem Grimaſſenſchneiden bot er ſeine Sachen aus und forderte dafür über⸗ triebene Preiſe um ſie dann ohne viel Handeln für den fünften oder

zehnten Teil des verlangten hinzugeben. Wer ſeine Schliche kannte, kaufte bei ihm ſehr billig, andere fielen dafür umſo gründlicher hinein. In ſpäteren Jahren bin ich ihm in ſeiner Heimat Rödelheim einmal be⸗ gegnet; als ich ihn dabei mit ſeinem NamenSchlawitzer begrüßte, wies er das ſehr vornehm mit den Worten zurück:Mein Name iſt Hirſch. Dieſe Schilderung wird ergänzt durch zwei Bemerkungen des Hanauer Chroniſten Wilhelm Ziegler, die dieſer in ſeine Chronik 1841 und 1842 niederſchrieb. Er vermerkt am 16. Juni 1841:Der luſtige Schlawitzer, ein Handelsjude aus Rödelheim, der ſeit den 1820er Jahren die hieſige Meſſe beſucht, hat wieder die Meſſe bezogen. Derſelbe kommt jedesmal mit einem neuen Anpreiſungsruf, z. B. Lukowinner, Labutſch, Sprenz⸗ gänkl. Am 14. November 1842 macht Ziegler folgenden chronikaliſchen Eintrag:Heute wurde die Meſſe eingeläutet. Und wer iſt der erſte, der mir ſeine Ware anpreiſt? Der bekannte fröhliche Schlawitzer. Der Sprenzgenkel, wie man ihn hier nennt. Derſelbe iſt ein Jude, heißt eigentlich Salomon Hirſch, aus Rödelheim, welcher als ſehr bekannte Perſönlichkeit jede Meſſe hier beſucht und ſeine Ankunft mit dem ſehr ſchnellen Ruf: kauf, kauf, kauf, kauf anzeigt. Geſtorben iſt er, ſeit 10 Jahren blind, im Sommer 1880.

20