Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 3
Entstehung
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Wenn wir auf die politiſche Sturm⸗ und Drangperiode zurückblicken, deren Erdbeben, Orkane und Lawinen alles Beſtehende zu zertrümmern drohten, ſo müſſen wir uns geſtehen, daß ſie auch an unſerm Berufskreiſe nicht ohne Spuren der Zer⸗ ſtörung vorübergegangen iſt. Wo die Weisheit der Zeit darin beſteht, einige politi⸗ ſche Schlagwörter und Ekelnamen in der Tretmühle verleumderiſcher Journaliſtik in Umſchwung zu ſetzen, da iſt es um jede Kunſt und Wiſſenſchaft geſchehen, die dem tollen Parteitreiben zu huldigen verſchmäht, und wo die Donner des Bürgerkrieges vor den Thoren der Stadt ertönen, da werden die der Erziehung und dem Unter⸗ richte gewidmeten Kräfte gelähmt und, was ſchlimmer iſt, da wird in Frage geſtellt, ob es überhaupt noch der Mühe werth ſei, Etwas zu lernen. Hand in Hand mit der äußeren Zerſtörung geht der innere Verfall, jener von Jugendfeuer durchglühte marasmus senilis der Ueberlebtheit, der ſich bekundet in Geringſchätzung und Ver⸗ werfung aller bisherigen Mittel und Wege der Bildung neben der Unmöglichkeit, ſie durch neue genügend zu erſetzen. Eine ächt nationale Bildung, das Deutſche in Geſchichte, Sprache und Philoſophie wie in Geſinnung und Thatkraft an die Spitze ſtellend, ſollte hinfort, wie man hoffte, alles Bisherige verdrängen oder als unter⸗ geordnet ihren Zwecken dienſtbar machen. Aber der gewaltige Anlauf iſt mit den Errungenſchaften und Grundrechten zu Boden geſunken, und nur das ſchmerzliche Gefühl einer jener Bildung geſchlagenen unheilbaren Wunde geblieben. Die natio⸗ nale Bildung iſt noch nicht gewonnen durch mundfertige von brüllenden Bravo's übertäubte Volksreden, ſie verlangt zu ihrem Vorwurf vor Allem eine würdig ge⸗ hobene Nationalität, eine Friſche und Fülle kräftiger Thaten und eine Achtung ge⸗ bietende Rolle auf der Schaubühne der Weltgeſchichte. Ohne ein einheitliches, mächtiges und der Welt imponirendes Deutſchland wird die deutſche Bildung des belebenden Pulsſchlags nationaler Gefühle und Geſinnungen immer baar und ledig bleiben und ſich genöthigt ſehen, bald mit der leichten Speiſe der bis zu den Hecker⸗ liedern entwickelten Belletriſtik, bald mit den ſchweren Brocken der gothiſchen Sprach⸗ forſchung und althochdeutſchen Lautverſchiebung ein kümmerliches Halbleben zu friſten, das höhere Weihe und Heiligung durch die Anbetung der an die Stelle der alten Heiligen geſetzten Götzen einer Hegel und Schelling überbietenden philoſophiſchen Fata Morgana vergebens zu erringen ſtrebt. Es iſt wohl achtbar und gut gemeint, daß man dem Genius Deutſchlands durch deutſche Nationalbildung die Schwingen

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