— 14—
zu ſprechen, daß ſie ſogar ſyſtematiſch zu Lehren der Weisheit und Tugend verarbeitet worden ſeien. Wir hindern die äſthetiſche Kritik nicht zu gebieten, daß die Poeſie nicht lehren, nicht ſchildern, nicht malen, nicht Empfindungen und Gefühle aus⸗ ſprechen, nicht einmal ein Intereſſe des Stoffes erregen ſolle, wie Leſſing in ſeinem materialiſtiſchen Nathan gethan hat, aber wir erbitten uns auch die Erlaubniß, die von ihr aufgeſtellten Geſetze und Normen in der pädagogiſchen Praxis nur ſo weit gelten zu laſſen, als ſie unſer auf Erfahrung beruhendes Placet erhalten haben. Mag jene Kritik nach ihrem Belieben alle Rückſichteu der Entwickelung und Lehre, der Weisheit und Tugend, der Bildung und Humanität verſchmähen, wozu wir ihr das Recht nicht ſtreitig machen, ſo beſteht unſer Recht darin, dies Alles für unſere Sphäre nicht unbedingt anzuerkennen, ſondern neben der Frage, was ein Autor an ſich ſei, auch die zweite aufzuwerfen, die leider nur zu oft hintangeſetzt wird, was aus einem Autor für gewiſſe Bildungsſtufen der Jugend ſich machen laſſe. Darum tragen wir kein Bedenken, neben der Iliade auch die Odyſſee beizubehalten, obwohl ſie ſchon von den Alten für die Iliade der Bettler und Heloten, für die untergehende Seonne des Homeriſchen Genius gehalten wurde, darum räumen wir Horaz und Gellert eine Stelle ein, die Pindar und Klopſtock minder paſſend ausfüllen würden. Noch mehr: Pindar und Klopſtock, nicht auf einzelne Literaturproben beſchränkt, ſondern zur ſtehenden Lectüre gemacht, würden eine recht gründliche Abneigung ge⸗ gen alle Erhabenheit des dichteriſchen Aufſchwungs erwecken, denn es gibt auch eine Art der Unfähigkeit, die von der unzeitigen Aufnöthigung und Gewohnheit hoher Gedanken erzeugt wird, und der wir in die Hände arbeiten würden, wenn wir der Jugend Schiller, Körner und Uhland verleiden wollten, um Göthe an ihre Stelle zu ſetzen. So wird denn auch Horaz forthin ſeine Stelle behaupten, für uns der einzige Vertreter der geſammten alten Lyrik und Archilochiſchen Epodik, deren me⸗ triſche Kunſtformen er unter allen Autoren allein zur Anſchauung bringt, während für die Sermonen nicht einmal ein Vorbild in der griechiſchen Literatur, ſondern nur ein glücklicher Nebenbuhler in der Perſon des geiſtreichen Perſius beſteht, wie er denn auch faſt der einzige Autor iſt, an dem eine grammatiſch-hiſtoriſch⸗äſthetiſche Interpretation in allen Beziehungen vollſtändig durchgeführt und bei jedem Schritte zu geſteigerter Gymnaſtik geſtaltet werden kann.
Geht man jenen Ausſtellungen tiefer auf den Grund, ſo zeigt ſich, daß es hierbei eigentlich um die herkömmliche Stellung ſich handelt, welche dem Lateiniſchen vor dem Griechiſchen in unſerm Unterrichtsſyſtem eingeräumt iſt, und daß die Frage zur Entſcheidung kommen muß, ob nicht das Verhältniß beider umgekehrt, und das Griechiſche ſomit zum eigentlichen Grundbau, das Lateiniſche zum Ausbau gemacht werden ſollte. Niemand kann es mehr, als den gelehrten Schulmann erfreuen, wenn er das Griechiſche ſelbſt bis zu ſolcher Zumuthung anerkannt ſieht, zumal wo er, wie bei uns, dieſer Anerkennung ſo lange ſich hat entwöhnen müſſen; dennoch aber darf er ſich nicht bergen, daß auch hier derſelbe Conflict zwiſchen der literäri⸗ ſchen und pädagogiſchen Ktitik wiederkehrt, welche letztere auch der äußeren, auf ge⸗


