A. Schulbericht der Victoriafchule über die Schuljahre 1889 und 1890.
Die Hoffnungen, welche wir im letzten Jahresbericht bezüglich eines Neubaus der Victoria- ſchule ausgeſprochen haben, ſind trotz der unzweifelhaften ſchweren Mißſtände, unter denen wir ſeit mehreren Jahren leiden, ihrer Verwirklichung bisher nicht weſentlich näher gekommen. Zwar hat die Stadtbehörde einen ſehr geeigneten, wenn auch vom Centrum der Stadt etwas entlegenen Bauplatz erworben, doch ſteht bis zu dieſem Augenblick, da wir den Jahresbericht in den Druck geben, noch nicht feſt, ob der Neubau thatfächlich auf jenem erworbenen Platze erſtehen wird. Dię Gründe diefer langen Verzögerung, welche den dringend notwendigen Neu- bau in die Ferne rückt, können wir an diefer Stelle nicht unterfuchen; wir haben aber die Verpflichtung, wiederholt zu betonen, wie mißſtändig es iſt, wenn das ſichtbare Gedeihen einer Anſtalt, die unter der jetzigen Leitung von Jahr zu Jahr an Schülerzahl und gutem Schüler- material gewonnen hat(die Frequenz iſt ſeit 1877 von 272 Schülerinnen auf über 600 Schülerinnen geſtiegen), durch räumliche Schwierigkeiten behindert wird. Auch kommt in Betracht, daß die 500 Mädchen, welche unſere Schule aus der Stadt felbſt befuchen, doch ein Recht darauf zu haben ſcheinen, daß ſie ihre Unterweifung in ſolchen Räumen erhalten, die bezüglich des Lichts, der Luft, der Heizung und anderer Faktoren den notwendigſten hygieniſchen Forderungen entſprechen. Auch das Lehrerperſonal leidet ſchwer unter den Unzu- träglichkeiten des Hauſes und niemand kann es uns verargen, wenn wir ein baldiges Ende des jetzigen Zuſtandes herbeiſehnen!
Das Schuljahr 1889/90 wurde am 29. April 1889 mit einem Schülerbeſtand von 593 Schülerinnen begonnen, von denen 552 der Victoriaſchule, 41 dem Lehrerinnenfeminar ange- hörten. Im Lehrerkollegium waren keine anderen Veränderungen eingetreten, als daß für die nach Berlin auf ein Jahr zum Studium am dortigen Victoria- Lyceum beurlaubte Lehrerin Fräulein M. MürtER Fräulein MARG. Wünrn als Stellvertreterin vom Miniſterium beſtellt worden war. Vom 16. Juni ab mußte wegen eines Gehörleidens Fräulein SrockHAUsEN auf mehrere Wochen beurlaubt werden, doch trat ſie nach den großen Ferien wieder ins Amt.
Am 17. Juni viſitierte der Biſchof von Mainz, Herr Dr. HAFFNER, den katholiſchen Religionsunterricht, ebenſo wurde der evangeliſche Religionsunterricht durch Herrn Super- intendenten Dr. SErr, vom 24. Auguſt bis zum Ende des Monats einer eingehenden Inſpektion unterworfen..
Der Sedanstag wurde in gewohnter Weile durch patriotiſche Anſprachen und Vorträge feſtlich begangen. Im kombinierten Lehrerinnenfeminar hielt der Direktor einen hiſtoriſchen Vortrag über die Vorgeſchichte des deutſch-franzöſiſchen Kriegs vom Jahre 1870/71.
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