Aufsatz 
Über neoprovenzalische Litteratur
Entstehung
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7. Beigabe J.

Ueber neoprovenzaliſche Litteratur

n. v. Reichlin.

Im ſüdlichen Frankreich, in den lieblichen Gefilden der Provence, erklingt heute noch wie vor Jahrhunderten die volltönende Sprache der Troubadours, das Provenzaliſche. Und wenn dieſes ſchöne Idiom auch im Laufe der Zeiten durch ſeine ſtolze Schweſter, die nordfranzöſiſche Sprache(langue d'oil) beſiegt wurde, ſo daß es nahezu zum Volksdialekt herabgeſunken iſt, ſo ſind dennoch die Laute und Modulationen deſſelben ſo ſchön, daß man wirklich bedauern muß, daß ſeiner Zeit nicht die langue d'oc den Sieg über die langue d'oil davon trug. Die Provenzalen ſind ſich dieſes Werthes ihrer heimiſchen Mutterſprache auch bewußt, ſie lieben und ehren dieſelbe, und wenn im Verlauf der Zeiten der Antagonismus der Provenzalen gegen die ſiegenden Franzoſen geſchwunden iſt, wenn heut zu Tage das Nationalgefühl im Süden Frankreichs für toute la France, dem des Nordens in keiner Weiſe nachſteht⸗ ſo iſt dennoch eine rührende Anhänglichkeit an die Sprache der Voreltern geblieben, welche ſich beſonders in den letzten Jahrzehnten durch eine vollkommen organiſirte litterariſche Wiederge⸗ burt der provenzaliſchen Sprache*) manifeſtirte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Wiedergeburt ſich nur auf die Sprache als ſolche erſtreckte, und weder eine politiſch⸗ſeparatiſtiſche Richtung vertrat, noch die Abſicht haben konnte, mit der Sprache der Troubadours auch ihre Poeſie wieder zu beleben. Es iſt friſche, moderne Dichtung, welche die wiedererſtandene Dichterſchule des ſüdlichen Frank reichs ihren Landsleuten bietet; uamaidih dſt es eine blühende, reizende Natur poeſie, welche ſich in den hervorragenden Werken der jungen, ſtrebſamen Dichter bemerklich macht, und welche ihr einen wunderbaren Reiz verleiht. Die neuen provenzaliſchen Dichter beweiſen klar, daß ſie Franzoſen geworden, und, daß ſie es gerne ſind; ſie ſchließen ſich dem Geiſte der modernen Dichtung Frankreichs an und haben ſich Béranger, Victor Hugo, Lamartine u. ſ. w. zu ihren Vorbildern gewählt.

Es verlohnt ſchon der Mühe, einen kurzen Rückblick auf die alte pro⸗ venzaliſche Dichtung zu werfen, bevor man die moderne betrachtet; es iſt jeden

*) Der Name provenzaliſch für die Sprache iſt nicht der allgemein gültige; die Trouba⸗ dours nannten ſie romaniſch(romans) wohl auch ſchon provenzaliſch(provensalese) oder limou⸗ ſiniſch eneh einige Neuere pflegen ſie occitaniſch zu nennen, weil Languedoc im Mittelalter Occitanien hieß. Diez, Grammatik der romaniſchen Sprachen I. 77.