Aufsatz 
a) Vergleich durch Zahlen zwischen Sonst und Jetzt der Schule. (Veranlaßt durch bekannte Beziehung im November 1847.) b) Ein Philosoph und das heutige Volksschulwesen. c) Das offene Geheimnis des Wormser Schulwesens und dessen Kritik. d) Schwierigkeiten des Wormser Schulwesens. (Aus einem Briefe.)
Entstehung
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IV. Ein Philoſoph und das heutige Volksſchulweſen.

Das größte Unglück der Schule, namentlich der Volksſchule, iſt, daß die einflußreich⸗ ſten Männer des Lebens wie der Wiſſenſchaft keine Vorſtellung vom heutigen Zuſtand derſelben haben. Sie haben meiſt ein trauriges Bild aus den von ihnen als Knaben beſuchten Schulen in das Mannesalter mit genommen. Das verhältnißmäßig Große und Unglaubliche, was in ihnen, beſonders in den letzten 40 50 Jahren, nach den Winken des unſterblichen Peſtalozzi geſchah, iſt unbekannt an ihnen vorüber gegangen, weil es eben geſchah nicht von Hochſtudirten und Schriftgelehrten, ſondern meiſt von Steinmetzen⸗ und Zimmermanns⸗Söhnen, vonm ſchlichten Volksverſtand, dem bisher behufs des Lehramtes die Schätze des hiſtoriſchen und anderen Wiſſens nur kärglich zu Theil werden konnte. Die Schullehrer unſeres Landes haben daher, zu ihrer Ehre ſei es geſagt, neulich ſelbſt auf Verlängerung der wiſſenſchaftlichen Vorbereitung angetragen, damit der künftige Lehrer gleich das mit ins Amt bringe, was die bisherigen beſſeren Lehrer nur durch eigene Mühe und beſonderen Aufwand erwerben mußten. Aber das traurige Bild, welches die vornehme Welt aus ihrem eignen Schulleben hat, und die daher rührende Gleichgültigkeit gegen alles Schulweſen, iſt beſonders Schuld, daß das bisher meiſt unter kümmerlichen Umſtänden von den guten Volksſchulen Geleiſtete in den höheren Regionen der Geſellſchaft meiſt unbe⸗ achtet und ungewürdigt bleibt, daß es den Mängeln und Schwierigkeiten aller Art ſich nicht entwinden kann, daß ihm keine Heilande zukommen, als die Lich den Muth haben, ſich kreuzigen zu laſſen.

Ich habe es ſchon vor Jahren erlebt, daß hochſtehende Beamten, welche auf das Schulweſen ihres Landes officiellen Einfluß hatten, mir das naive Geſtändniß machten, daß ſie ſeit ihrer Entlaſſung aus der Schule nie wieder eine andre Schule geſehen hätten. Eine ähnliche Erfahrung machte ich neulich in einem Buche, in welchem ich ſie nicht erwartet hätte: Die Philoſophie des Lebens der Natur, gegenüber der bisherigenſpecu⸗ lativen und Naturphiloſophien, von Heinrich Vogel, Braunſchweig 1845. Der Verfaſſer dieſer Schrift hat ſich nichts Geringeres zur Aufgabe vorgezeichnet, als auf natürlichem Wege in einem für jeden Gebildeten verſtändlichen Vortrage eine völlige Re⸗ form unſerer bisherigen philoſophiſchen Grundſätze, mit dieſer Reform aber auch zugleich eine neue, mehr philoſophiſche Methode für die Behandlung der Naturwiſſenſchaften zu begründen. Dieſes Buch iſt eines der intereſſanteſten, welche mir ſeit langer Zeit in die Hände gekommen, merkwürdig nicht nur, wie der Titel ſagt, für Philoſophen und Natur⸗ forſcher, ſondern auch noch für viele andre Zweige des Wiſſens. Auch für den Schulmann, wie für jeden Freund einer naturgemäßen und nationalen Jugendbildung iſt beachtenswerth,