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deſto näher liegt die falſche Auffaſſung ihrer Bedeutung; ſo iſt Donatellos„Hoff⸗ nung“ vom Taufbecken von S. Giovanni in Siena eine Figur, die an ſich ſehr leicht mißzuverſtehen wäre und dem Motiv nach ebenſowohl etwas anderes be— deuten könnte(Abb. 36); ſie iſt eben die Perſonifikation eines Begriffes, den die Sprache mit einem Worte ſcharf und unverkennbar zum Ausdruck bringt, für deſſen klare Bezeichnung und Abgrenzung die Ausdrucksmittel der bildenden Kunſt aber grundſätzlich nicht ausreichen; nicht anders als mit Donatellos Ge⸗ bilde ſteht es mit Thorwaldſens berühmter„Spes“, der obendrein der pſycho— logiſche Teil der Darſtellungselemente völlig abgeht(Abb. 37).
Abb. 39. Statue der ſ„Kriegswiſſenſchaft“ in der Ruhmeshalle in Berlin.
Dem Mittelalter war eine ganze Reihe von Geſtalten verſtändlich, die dem heutigen Beſchauer erſt mühſam gedeutet werden müſſen: z. B. die Figur der Synagoge, wie ſie uns am Straßburger Münſter entgegentritt, entſprach einer Symbolik, die den Gebildeten der Zeit geläufig war(Abb. 38); aber wie ein— ſeitig bringt dieſe Figur ſelbſt für die, denen ſie ohne weiteres verſtändlich iſt, das Weſen der jüdiſchen Kirche zum Ausdruck: ſie enthält ein paar Attribute, deren Anwendung durch die dogmatiſch-theologiſche Schriftſtellerei des Mittelalters an— geregt und bedingt iſt; wichtigere, ja die wichtigſten Seiten des Weſens der Synagoge bleiben unberückſichtigt und entziehen ſich überhaupt völlig dem Macht— bereich dieſer„Bilderſprache“.


