Aufsatz 
Die Komposition der Horazischen Epistel "An die Pisonen"
Entstehung
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Die Compoſition der Horaziſchen EpiſtelAn die Piſonen.

Während ſonſt bei den Bearbeitungen des Horaziſchen Briefes an die Piſonen in erſter Linie der philologiſche Standpunkt maßgebend zu ſein pflegt, hat der Unterſuchung deren Re⸗ ſultat in Folgendem kurz dargelegt werden ſoll, der äſthetiſche Geſichtspunkt zu Grunde gelegen, ohne daß die Bedeutung des philologiſchen als der Baſis einer jeden Unterſuchung eines der Sprache ſich als Materials bedienenden Kunſtwerks irgendwie unterſchätzt worden wäre.

Die äſthetiſche Betrachtung eines Kunſtwerks verlangt als erſtes und wichtigſtes Merkmal eines ſolchen daß es als Ganzes einen einheitlichen Eindruck hervorbringe, und zwar ſo daß jeder einzelne Theil ſeine eigenthümliche Bedeutung ſowie ſeine Berechtigung in ſeiner Mitwirkung zur Erreichung jenes einheitlichen Eindrucks hat. Je durchſichtiger dieſe Beziehung der einzelnen Theile zu einander und ihr Zuſammenwirken zu dem gemeinſchaftlichen Ziele iſt, um ſo klarer wird der Geſammteindruck ſich geſtalten, um ſo beſſer wird die Abſicht des Kunſtwerks erreicht werden.

Dieſes planvolle Zuſammenwirken aller einzelnen Theile hängt weſentlich von ihrem ge⸗ meinſamen Hervorwachſen aus einem einzigen Keimpunkt ab, welcher in der erſten Anregung zu ſuchen iſt die den Künſtler zur Schaffung ſeines Werks getrieben hat. Soll daher die äſthe⸗ tiſche, d. h. die eine Reihe von Einzelheiten zu einem Ganzen ſammelnde und dieſes als Einheit auffaſſende Betrachtung eines Kunſtwerks zu ihrem Ziele gelangen, ſo hat ſie zunächſt jenen Keim⸗ punkt nachzuweiſen, der, wenn er richtig erkannt iſt, alsbald Ordnung und Einheit in die vorher zuſammenhangslos nebeneinanderhergehenden Einzelheiten bringen wird. Somit wird gerade die Erreichung oder Verfehlung dieſes Zieles das Kriterium für die Richtigkeit der Erkenntniß jenes Keimpunktes abgeben.

Horazens Brief an die Piſonen wird nun meiſt nurals eine didaktiſch⸗ſatiriſche Epiſtel, gerichtet gegen fehlerhafte Beſtrebungen der Dichter oder vielmehr Dichterlinge, ſo wie gegen fehler⸗ hafte Urtheile der Kritiker jener Zeit, beſonders im Fache der dramatiſchen Dichtkunſt(Krüger), oder als ein Briefworin eine Reihe äſthetiſcher Fragen mit verſtändigem, treffendem Urtheil abgehandelt iſt(Teuffel, Geſchichte der römiſchen Literatur§. 222), betrachtet, während von an⸗

derer Seite feſtgehalten wirddaß es Schuld der Leſer und nicht des Dichters iſt, wenn zu dem, 3 1